ADS und ADHS aus Tonfeld-Perspektive

Ans Tonfeld kommen vielfach Kinder mit Aufmerksamkeitsstörungen (ADS), häufig einhergehend mit Hyperaktivität (ADHS). Beide Syndrome sind, trotz der ähnlichen Namensgebung, grundverschieden und verlangen andere Formen der Ansprache an das Kind.

ADS-Kinder sind oft Tagträumer. Ihre Aufmerksamkeitssystem ist nicht wirklich wach. Das Interesse hakt sich nirgends wirklich fest, es gibt zu wenig lebendige Fantasie. Vieles ist ihnen gleich-gültig, weil es sie als Person irgendwie nichts angeht. Die Geschehnisse gleiten an ihnen vorbei wie die Bilder bei einer Zugfahrt. Alles bleibt äußerlich, es rührt sie nichts an. Wenn sie etwas erzählen, wirkt es auf den Zuhörenden entweder langweilig oder ermüdend, eben weil die Seele des Kindes darin nicht erkennbar wird.

Bedeutung entsteht, wenn man in irgendeiner Weise berührt ist von dem, womit man Umgang hat. Bei ADS-Kindern erscheint der Hautsinn, über den sich Berührung vermittelt, oft unbelebt. Teils können hier organische Mangelzustände wie Eisenmangel, Schlafmangel o.ä. mit hineinspielen. Oft aber liegen die Ursachen eher im Beziehungsgeschehen mit der Welt, in der Art, wie Berührung erfahren wurde und wird, ob sie genussvoll wahrgenommen wird oder eben nicht, ob Berührung vielleicht sogar eher gemieden wird etc. Wenn die Kinder den Ton berühren, sparen sie außerdem häufig die Innenhandflächen aus. Die Aufmerksamkeit wabert dann etwas wahllos umher, im Grunde von der Hoffnung getrieben, irgendwo seelische Resonanz zu finden, dass also wirklich etwas das Seelenleben anrührt, was es dann meistens aber nicht tut. Ermahnungen, sich mehr zu konzentrieren oder sie intensiv bei den Hausaufgaben zu betreuen, wird ihnen zur Qual. Das Kognitive ist ohne seelischen Nährwert. Was sie am meisten brauchen, ist die Erfahrung von Inniglichkeit, von wirklichem Berührtsein. 

ADHS Kinder können aus anderen Gründen ihre Aufmerksamkeit nicht halten. Am Tonfeld zeigen sie sich fortgerissen von ihren Impulsen. Das Impulsleben eilt dem seelischen Erleben permanent voraus. Sie kommen nie bei sich an und können sich daher auch nicht seelisch nähren aus dem, was sie tun. Was sie greifen, kommt viel zu wenig in der Wahrnehmung an. Deshalb agieren sie oft maßlos und wahllos. Genussvolle, streichende, verbindende als auch parallele Bewegungen bleiben aus. Wenn sie etwas bauen, geschieht das in rastloser Eifrigkeit und in der Regel entstehen daraus nur Konstrukte, reine Kopfgeburten, die dann auch nicht halten. Sie halten nicht, weil die Kinder in sich selbst auch keinen Halt haben. Das zeigt sich auch in der Stabilität der Körperachse. Wirft man ihnen einen Tonklumpen zu, wackelt häufig das ganze Kind, lässt sich manchmal sogar fallen. 

Bei ADHS-Kindern hilft vor allem Verlangsamung: Verlangsamung in der Ansprache, Verlangsamung in den Bewegungen, wenn man dem Kind etwas anreicht, Verlangsamung im Hinwenden, im Zuwenden, einfach in allem. Im Alltag lässt sich der Zeitlupenmodus nur phasenweise durchhalten. Aber es genügen Inselmomente der bewussten Begegnung, Zuwendung und Achtsamkeit, um das Kind wenigstens für Momente, die mit der Zeit dann länger werden, in seine Präsenz zu bringen. Manchmal hilft es, wenn man bei der Ansprach auf Augenhöhe geht, das Kind liebevoll und haltgebend an beiden Schultern anfasst und so ein bisschen Achsenstabilität konkret vermittelt. Am besten wartet man, bis das Kind wirklich gerade gegenüber steht und nicht wackelt, sich aber auch nicht künstlich gerade hält, sondern natürlich, von innen aufgerichtet. Und dann ist es auch gut, es relativ leise anzusprechen, vielleicht bisschen geheimnisvoll im Unterton, manchmal fast flüsternd, dass es in Lauschen kommt und sich auch darüber verlangsamt. Wenn es Fragen stellt, die nichts mit seinem seelischen Erleben zu tun haben, verweise man das Kind an sich selbst zurück: Was denkst Du denn dazu, was schätzt Du? Es sucht nicht wirklich Antworten auf seine vielen Fragen, es sucht Beziehung – zum Anderen, zu den Dingen, zu sich selbst. Schätzen-lassen ist überhaupt eine gute Idee, weil es die Gefühlsbildung anregt und innere Bilder aufruft. ‚Leere Bilder‘ ohne inneren Bezug zum Kind, also Fernsehen, Computerspiele u.ä., sind Gift für ADHS-Kinder. Gut tut ihnen, mit Vater in die Welt ziehen und (scheinbar) gefährliche Dinge zu tun, Dinge, die das Kind anrühren, wo es aufwachen muss zu sich selbst. Gut tut ihnen auch alles, was die Tiefensensibilität aufruft und ihren ganzen leiblichen Einsatz fordert. Gut ist der Umgang mit Erde (Gartenarbeit), gut sind alle parallelen und rhythmischen Bewegungen und alles, was die Körperachse stabilisiert (Gleichgewichtsübungen). Und schließlich tut ihnen, Halt zu finden, etwa durch sehr klare Regeln, kleine Rituale, aufgeräumtes Kinderzimmer u.ä.

Für die Tonfeld-Arbeit ist eine genaue Diagnose ohne Belang. ADS bzw. ADHS sind lediglich Etiketten, die das Kind pathologisieren. Entscheidend ist, dass Wege eröffnet werden, wie es da herauswachsen kann, wie es sich in den Sinnen organisieren und die Seele zum Klingen bringen kann. Dazu müssen Nervenstrukturen und Hirnstrukturen umgebaut werden. Das braucht Zeit, aber es geht. 

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