Fallbeispiel 1: Ulf (9)

Ulf gehört zu den schwierigsten Kindern seiner Grundschule. Obwohl er schon die dritte Klasse besucht, verhält er sich im Grund wie ein 2-3jähriges Kind. Von der Statur her wirkt er dicklich und gedrungen, der Kopf etwas eingezogen, die Hände relativ undiffernziert, fleischig. Im Unterricht sitzt er sehr artig, aber weitgehend teilnahmslos, freundlich grinsend, wenn man ihn anspricht. Die Lehrerinnen müssen immer ein Auge darauf haben, dass er seine Sachen alle richtig einpackt, seinen Schulranzen nicht vergisst, stehen ihm überall helftend zur Seite, sind sehr bemüht. Allein: er wirkt hilflos. Auf dem Schulhof fällt er dadurch auf, dass er Schulkameraden mit vor der Brust verschränkten Armen oft anrempelt. Von vielen seiner Mitschüler wird er gehänselt und gemobbt. Am Sportunterricht traut er sich nicht teilzunehmen. 

Als er zum ersten mal ans Tonfeld kommt, sitzt er sehr verlegen davor, versucht freundliche Mine zu machen, interessiert sich zwar prinzipiell dafür, erklärt aber, dass er Ton im Grund nicht mag. ‚Im Grund nicht mögen‘ heißt für ihn, überhaupt nicht hineinfassen zu können. Auch ist es ihm fast unmöglich, nur mittelbar mit einem Holzspatel in das Material hinein zu drücken. Dies macht er nur vorsichtig mit einem Finger, und als der Spatel klein wenig einsinkt, zieht er die Hand wieder zurück, putzt sie sich, kontrolliert, ob er irgendwie Ton abbekommen habe. Er ist schlicht überfordert mit dieser Situation. 

Also wird für ihn gebaut. Sehr langsam, die Bewegungen mehr murmelnd unterlegt, als dass konkret dazu viel gesagt würde. Es entsteht ein Loch, eine Rinne, und Wasser kann darin fließen. Immerhin, einen Schwamm sauberen Wassers darüber auszudrücken, das geht. Und er interessiert sich für den Effekt, wie das Wasser einen Kanal entlangfließt. Mehr Kanäle müssen geritzt werden, und weil das alles ein bisschen zu langsam und umständlich geschieht, sieht er sich bemüßigt, selber hier und da korrigierend mit dem Spatel einzugreifen.

Darüber gewinnt er Mut. Das Material ist doch nicht so ‚gefährlich‘, wie gedacht, die Effekte werden zunehmend interessanter, man kann Kanäle stauen, wieder freigeben, umleiten, kann das Wasser sogar durch kleine Tunnel durchleiten.

Schon nach wenigen Stunden drückt er kraftvoll mit dem Spatel das Material beiseite, und solange es noch trocken ist, wagt er es, dieses auch mal selbst in die Hand zu nehmen, zu drücken – für ihn ganz offensichtlich ungewohnte, neue Erfahrungen. In der 6. Stunde fasst er sich ein Herz, kündigt an, dass er jetzt selber einen Tonklumpen herausnehmen wird – und macht das auch. Er staunt über sich selbst und über seinen Mut, wiederholt paar mal, dass er sich das selbst herausgenommen hat.

In den nächsten Stunden beginnt er, mit Spatel, aber auch mit den Händen gestalterisch einzugreifen, Seen anzulegen mit Inseln, ein kleines Feld aufzubauen – und das alles mit sichtlich wachsender gestalterischer Freude.

Die Lehrer liefern in diesen 10 Stunden – so lange dauerte das Projekt – erstaunliche Rückmeldungen. In der Pause kam er zu einer Lehrerin an und sagte: Ich weiß jetzt, wer ich bin. Die Sportlehrerin fragte er, ob er jetzt doch am Sportunterricht teilnehmen darf. Im Unterricht ist er deutlich aufmerksamer und interessierter geworden, hat seine Ohnmacht abgelegt. Die Mutter, am Ende dieser 10 Stunden auf beobachtete Veränderungen angesprochen, meinte nichts besonderes bemerkt zu haben. Schon, dass er sich in letzter Zeit mehr für Mathematik interessiert und die Schulnoten etwas besser würden. Aber etwas sei auch schlechter geworden. Er würde ja oft gemobbt, aber kürzlich habe er sich als Anführer einer kleinen Jungenbande aufgespielt und ein Nachbarmädchen verhauen.

Für Eltern ist es manchmal schwierig, den Erwerb zu erkennen, wie ein Kind von seiner Ohnmacht auf einmal in seine Phase der Allmacht kommt (gerade Jungen hantieren dann im Spiel gern mit Megaatombomben u.ä., die ja nichts anderes als Ausdruck ihres: ich kann (oder neudeutsch: Yes, I can) sind. 

Egal wie verschroben, wie hilflos, wie antisozial, liebedienerisch, aufdringlich oder was auch immer Menschen sind – im Akt ihrer eigenen Verwirklichung, des Wachsens zu sich selbst, sind sie immer schön. Ausnahmslos. Das Echte, Unverstellte, wenn man so will: Gottgewollte, ist etwas anrührend Schönes, und wenn Menschen an diesen Punkt heranrühren, sich selbst darin erkennen, wird dieses eigene Berührtsein zum Wegweiser ihrer Lebensorientierung. Denn dort fühlt es sich für sie selber gut und richtig an. Die Arbeit am Tonfeld® macht nichts anderes, als auf eine sehr unmittelbare Art an diesen Grund ureigenen Bewegtseins, an das Einzigartige, die Eigenheit, heran zu führen. 

 

 

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