Fallbeispiel 2: Nina, 7 Jahre

Die 7-jährige Nina (Name geändert), ein Adoptivkind bei sehr netten Adoptiveltern, fällt durch häufiges, affektiertes, sehr gekünsteltes Verhalten auf. Immer wenn es Kindern oder Erwachsenen begegnet, spricht sie in überzeichnetem Tonfall mit übertriebener Gestik, und dreht sich dann oft scheu weg zu Vater oder Mutter, sofern sie gerade in der Nähe sind. In der Schule wirkt sie oft etwas fahrig, und bei den Hausaufgaben fällt es ihr meist schwer, sich hinreichend lange zu konzentrieren. 

Ans Tonfeld geht sie natürlich so heran, wie sie immer an Neues in der Welt herangeht. Ein bisschen fuchtelnd, übertrieben gestikulieren und sehr viel plappernd, pure Banalitäten. Dieses Plappern setzt sie als Schutz ein, um sich hinter dem Wortschwall als Person verstecken zu können. Sich zeigen, ist heikel.

Das Material Ton erklärt sie für eklig, macht viel Show, grimmasiert, um das Eklige entsprechend darzustellen und damit auch Aufmerksamkeit zu erzeugen. Natürlich ist der Ton nicht an sich eklig. Jedem erscheint der Ton anders, dem einen hart, dem anderen geschmeidig, kalt oder aber erfrischend, wunderbar glitschig oder eben eklig. Wenn es für eklig erklärt wird, heißt das in der Regel, dass Berührung ein unterschwelliges Unwohlsein erzeugt, meist weil Berührung zu intim ist. Ihn eklig zu nennen, macht dieses Unwohlsein vor Berührung vor sich selbst und anderen scheinbar verständlich.  

Tatsächlich scheut sich Nina vor Berührung. Sie ergreift den Ton nur mit den Fingerspitzen, bekommt nichts in die Hände, spürt sich nicht in der Tiefe des Leibes. Wenn sie sich Ton aus dem Feld herausrupft, dann zieht, mit vorgeführter Umständlichkeit, ihr ganzer Körper daran. Wenn Kinder so greifen, sind sie meist sehr stark verhaftet mit dem, was sie tun (weil an ihrem Tun ja gewissermaßen die ganze Person hinten dran hängt). Gewöhnlich reagieren solche Kinder vehement abwehrend auf Kritik. Jede Nuance an Kritik ficht sie an.

Folglich geht es in der Begleitung darum, ihr erst einmal Sicherheit zu vermitteln und Halt in der Beziehung. Dem Affektierten wird keinerlei Aufmerksamkeit beigemessen, wohl aber allen Momenten, wo Berührungsqualität in den Händen aufscheint. Berührung anzusprechen, gelingt am besten mit einem sehr ungefähren Gemurmel, dass man lautmalerisch den Genuss unterstreicht, wenn der Ton mal in die Innenhand kommt, wenn die Hände sich selbst berühren, wenn streichende Bewegungen zufällig auftauchen. Insbesondere ist Wasser bestens geeignet, um mehr Berührung zu vermitteln. 

So beginnt sie, über Schwamm ausdrücken und öfter Hände waschen, den Ton doch nach und nach stärker zu berühren. Sind die Bewegungen am Anfang noch zu aufgesetzt und zu hastig, als dass die Wahrnehmung hinterher käme, werden sie durch die Verlangsamung der Sprache und die beiläufig eingestreuten Hinweise, dass sie sich Zeit lassen könne, allmählich ebenfalls langsamer. Die Dauerspannung in den Schultern verschwindet so allmählich und die Hände kommen nach und nach regelrecht nieder auf den Ton. Während in der ersten Stunde auf dem Tonfeld vorwiegend Bewegungsspuren entstehen, keine willentliche Gestaltung, baut sich Nina in der zweiten Stunde bereits eine kleine Landschaft an einem See mit bestimmten Schutzinseln darin für ein kleines Wesen, was darauf wohnt. Dabei schwindet die Kantigkeit und Härte aus ihren Bewegungen, es zieht eine größere Wärmequalität in ihre Bewegungen ein. Dabei lässt sie sich bisschen ein frühkindliches Verhalten hineinfallen (wie eine Zweijährige), worin sie eine Qualität von Geborgenheit und Sicherheit nachholen kann. 

Und das geschieht tatsächlich. In der dritten Stunde ist sie bereits so weit, dass sie sich traut, ihre Hände bis hoch zu den Unterarmen vollständig eingraben zu lassen (was sie sich zuvor nicht traute – nun will sie es). In die so entstehenden Tunnel wird mit einem Schwamm bisschen Wasser hinein geträufelt, so dass bei jeder Bewegung schmatzende Geräusche entstehen. Das bringt sie ins Lauschen, auch in die Freude, Verursacherin dieser Geräusche zu sein. Außerdem sind die Hände geborgen, und eine große, bislang unbekannte Ruhe stellt sich bei ihr ein. Recht lange bleibt sie mit den Händen in diesen Tunneln, und ein bisschen liegt die Tendenz in der Luft, dass sie da im Prinzip auch einschlafen könnte.

Diese Stunde bringt einen entscheidenden Durchbruch. Die Eltern berichten, dass sie zwar recht erschöpft, aber ziemlich glücklich von der Stunde zurückgekommen sei und dass sie seither mehr Nähe suche, zugänglicher, kuscheliger geworden sei. Zwar finden noch zwei weiter Tonfeldstunden statt, um das Empfinden zu sichern und zu festigen, aber der entscheidende Umschwung ist mit der dritten Stunde bereits erfolgt. All das aufgesetzt Gestikulierende, dieses Verstecken hinter der Sprache, scheint wie abgefallen. Zwar klingen die gewohnten Verhaltensmuster noch ein klein wenig nach, aber Nina spürt selbst, dass diese Muster nun überlebt sind und dass sie sich ihrer nicht mehr bedienen muss. Bei den Hausaufgaben ist sie gesammelter, die Aufmerksamkeit besser. Und sie ist fröhlicher geworden. Eine sehr erstaunliche Entwicklung, weil sie da facto nur 3 Stunden in Anspruch nahm.    

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