Fallbeispiel 3: Hiltrud (72)

Hiltrud ist eine überaus rüstige Seniorin, die noch an Wettkämpfen zu Orientierungsläufen über viele Kilometer durch unwegsames Gelände teilnimmt, die sich sozial engagiert und ein sehr freundliches, zugewandtes Wesen hat. Unterhält man sich länger mit ihr, wird es allerdings schnell subtil anstrengend, weil sie zu denjenigen Menschen gehört, die dauernd lächeln, bei denen das Lächeln zu einer Art Maske erstarrt ist. Wer lächelt, signalisiert Freundlichkeit, und wer freundlich ist, dem tut man nichts, so in etwa das dahinter liegende, über Jahrzehnte eingegrabene Empfinden. Sie ist ein Kind des Krieges, hat schlimme Bombennächte mitgemacht und weitere Kindheitstraumen durchlebt. Gemessen an ihrem Lebensinteresse, fühlt sie sich denn auch zu wenig vital, merkt selbst, dass ihr etwas Unfreies, Unerlöstes innewohnt, dass sie nicht das lebt, was sie ist und auch nicht wirklich weiß, wer sie ist. Ihr Mann empfindet sie oft als zu regelhaft, zu gehalten.

Dieses Unbefreite und Gehaltene zeigt sich am Tonfeld sehr deutlich darin, dass sie sofort zu basteln beginnt, ohne vorher überhaupt seelisch angekommen zu sein, ohne sich orientiert zu haben, was sie in ihren Händen vorfindet bzw. wie sie sich vorfindet. Mit großem, kaum irritierbaren Eifer entstehen niedliche, sehr kleine Figürchen, ein mit dünnen Mäuerchen eingehegter Bereich, ein winzigen Häuschen darauf, ein paar symbolische Bäumchen, kurz: eine heile-Welt-Szenerie, die an Harmlosigkeit schwer zu überbieten ist. Sie erklärt viel dabei, bleibt in ihrem Tun immer außen vor, versinkt nicht dabei, kann sich nicht überlassen. Material nimmt sie immer nur mit den Fingerspitzen auf, bekommt nichts in die Innenhand, pflückt allenfalls ein wenige Material heraus, aber sich im wörtlichen Sinne wirklich etwas herauszunehmen, ist ihr ganz offensichtlich in der spontanen Bewegung nicht möglich. An keiner Stelle dringt sie bis auf den Grund des Tonfeldes, und auch Wasser benutzt sie nicht.

Ein solches Arbeiten ist oft zu beobachten, wenn es in irgendeinem Sinne um Scham und Schuld geht. Schuldig kann man sich als Kind fühlen für eine gescheiterte Beziehung der Eltern, auch für den Tod eines Elternteiles, was auch immer. Der Grund für die Schuld oder das tief verinnerlichte Schamempfinden ist für die Tonfeldarbeit von untergeordneter Bedeutung. Es geht darum, den Formen eigenen Bewegtseins zu begegnen, ihrer inne zu werden, sie aufzugreifen und umzugestalten, sich darin zu erfüllen und so einen neuen Umgang mit dieser Art des Bewegtseins zu erwerben.

Neue Umgangsweise im Kontext von Traumen zu finden, und das in fortgeschrittenem Alter, ist eine oft langwierige Arbeit. Sich eine neue Gewissheit herzustellen, sich als berührt zu erfahren, sich darin gesehen und gehalten zu fühlen, sich Hingabe und Genuss zu erschließen – überall gilt es, bildhaft gesprochen, alte Schichten abzutragen und neue Bewegtheitsformen zu erproben, sich heranzutasten, sich Schritt für Schritt neu einzulassen.

Hiltrud macht das genau so. Manchmal dauert es 3, 4, sogar 5 Stunden, wo sich Handlungsschemen wiederholen, wo scheinbar nichts voran geht, aber – unscheinbar – eben Sicherheit und Verlässlichkeit erworben wird. Auch Kinder wollen ja, gerade bei emotional bewegenden Geschichten, zig mal die gleiche Geschichte vorgelesen bekommen, obwohl sie den Ablauf und den Ausgang fast schon auswendig kennen. Aber die Dramatik darin zu erleben und sich gleichzeitig selbst als sicher und ungefährdet zu erfahren, braucht eben vielfache Wiederholung, um Verlässlichkeit zu gewinnen und sich davon emotional ablösen zu können.

Angesprochen wird die Innenhand, das Nähren in der Händen, dann die Berührung. Es kommt Wasser hinzu. Das Glitschige erscheint zunächst befremdlich, trotzdem irgendwie gut. Ganz allmählich wagen sich die Finger, in das Material auch mal hinein zu stechen. Das Material, was sie aufgreift und die Gestaltungen, kommen mehr und mehr ins Maß der Hände. Das Kleine, Niedliche und Verniedlichende verschwindet. Es werden Gräben ausgehoben, selten wirklich bis zum Grund, oft entstehen Reliefbilder, Übrig gebliebenes, Stehengelassenes, und die Schluchten, die sich da auftun, erscheinen in der Wahrnehmung irgendwie gefährlich. So in die Tiefe, in das Verborgene zu dringen, ist vom Erleben her wie in die eigene Tiefe, den emotionalen Grund, hinab zu steigen (jedenfalls in der Weise, in der sie da arbeitet).

Trotzdem wird sie von Stunde zu Stunde mutiger, gewinne eine Ahnung, schließlich auch einen Zugang zu ihrer schöpferischen Aggression, dass also alles, was angeeignet und zueigen gemacht werden soll, zunächst in seiner ursprünglichen Form verändert und also zerstört werden muss (wie Nahrung, die zerstört werden muss, um dann eigenes Wachstum aufbauen zu können). In der letzten Stunde, der 35sten, gelingt es ihr, das Feld komplett auszuräumen, ihren eigenen Raum zu gewinnen und darin etwas Neues, ihr Entsprechendes, zu gestalten.

Über dieses Dreiviertes Jahr hinweg hat sich Hiltrud deutlich verändert. Sie macht einen vitaleren Eindruck, ihr Lächeln wirkt nicht mehr so statisch, sie ist selbstbestimmter geworden, freier in ihren Äußerungen, befreiter. Erstmals in ihrem Leben gewinnt sie den Orientierungslauf und führt dieses selbst auf die Tonfeldarbeit zurück. Auch das Verhältnis zu ihrem Mann ist darüber besser deutlich geworden.

  

 

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