Entwicklung – zentrale Qualität des Menschseins

Die Arbeit am Tonfeld® ist eine Arbeit zur Entwicklungsförderung. Entwicklung, so glaube wir oft, sei vor allem im Kinder- und Jugendalter angesiedelt und werde mit zunehmendem Alter immer unbedeutender. Von der Tendenz her mag es stimmen. Aber unser gesamtes Erleben von Vitalität, Wachheit, seelischer Präsenz gründet auf Entwicklung, die sich freilich ab dem Erwachsenenalter in eine andere Dimension hinein erstreckt.

Im Kindesalter geht es vor allem zunächst um eine Koordination und Sicherheit in den Basissinnen (Hautsinn, Tiefensensibilität, Gleichgewicht). Es beginnt mit dem Erwerb der Objektkonstanz, mit einfachen Orts-fest-Stellungen von ‚das ist hier, das ist da‘, über das Erleben, Verursacher von Effekten zu sein, wirksam und gestaltmächtig zu sein hin zu Feldgliederungen (im Tonfeld werden dann Landschaften gebaut mit vielen Bezügen der Dinge untereinander), dem Erwerb von Kompetenzerleben, bis hin zu Souveränität, Behauptung, Positionierung und schließlich Selbst-Vertrautheit oder Selbst-Bewusstheit. Ab spätestens der Pubertät steht die Entwicklung bis zur Lebensmitte maßgeblich im Zeichen dieser letztgenannten Qualitäten, um den eigenen Stand in der Welt. Die Aktivität ist stark nach außen gerichtet. Mit Beginn der zweiten Lebenshälfte beginnt die verstärkte Wendung nach innen, dem Erwerb von Personalität, dass man sich nicht mehr anhand äußerer Dinge definiert, was man alles aufgebaut und geschafft hat, sondern am spirituellen Grund, an dem ‚wo komme ich her, wo gehe ich hin‘, ‚wer bin ich‘, ‚was ist mein Platz in der Schöpfung/im Lebensganzen‘.

Entwicklung heißt, dass wir immer in etwas hinein leben und uns als grundlebendig eigentlich nur im Übergang erfahren, im Wandel. Das ist auch der Grund, warum reich sein nicht unbedingt glücklich macht, wohl aber reich werden – ad infinitum, der Quell der Unersättlichkeit. Das Reich-Sein macht nicht per se glücklich, weil es mangels des Aufbaus einer Sehnsucht zu etwas noch zu Verwirklichendem ein oft entwicklungsarmer Zustand ist. Vermögend zu sein, heißt ja eigentlich, dass man etwas vermag, zu gestalten vermag, aber eben so, dass man sich in seiner eigenen Gestaltungskraft dabei rückerfährt, sich daran (seelisch) bildet. Wird diese Bindung des Vermögens von der eigenen Gestaltkraft (durch das Vorhandensein von Geld) entkoppelt, fällt man im Grunde in die seelische Leere. Das Leben verliert, wie es im biblischen Bild vom Salz heißt, seinen Geschmack oder seinen Klang.

Als Menschen sind wir qua unseres Bewusstseins auf Entwicklung angelegt. Tiere verhalten sich stark instinktgebunden. Durch die Entbindung vom Instinktverhalten erwächst und uns Handlungsfreiheit, Freiheit zu uns selbst, also überhaupt selbst sein zu können. In der Evolution geschieht die Ausgestaltung von Qualitäten, das Zu-sich-Kommen der Natur zu sich selbst, wie es in der Philosophie des Idealismus so schön heißt, letztlich durch die Artbildung. Beim Menschen ist die Artbildung in den einzelnen Menschen hineinverlagert. Menschen Arten, entwickeln ihre Eigen-Art und müssen sich in diesem Eigen-Sein eben auch finden oder zukommen.

Die Frage, wer wir sind, ist deshalb die zentrale Frage des Menschen, deren Klärung sein Lebenssinn ist. Es ist der Prozess des Zu-Sich-Kommens des Ganzen zu sich selbst im einzelnen Menschen (sozusagen wenn es gut geht). Alles, wo wir uns hinein entwickelt, was wir uns angeeignet und anverwandelt haben, wird vertraut und schließlich Routine. Damit verfügen wir dann zwar über das Vertraut-Gemachte, aber bilden uns nicht mehr daran. Wer der Mensch ist, lässt sich ja nicht konkret irgendwie benennen. Jede mögliche Antwort wäre mechanistisch. Wir sind per se entwicklungsoffen und als nur Möglichkeit zu etwas hin, z.B. Möglichkeit für Liebe, für Gemeinschaft, für Inspiration, für Vertrauen usw. Wir sind nicht unsere Möglichkeit, können uns aber als liebend, gemeinschaftlich verbunden, inspiriert, vertrauend etc. erfahren im Wandel, so ähnlich, wie wir uns im sexuellen Höhepunkt als ‚völlig weg und zugleich maximal eins mit dem Anderen erfahren, aber eben auch nur in der Form eines Übergangs, nicht eines fixierten Zustandes.

Die Arbeit am Tonfeld® greift genau diesen Prozess der Verwirklichung zu uns selbst auf. Dieser Prozess endet nie. Erwachsene können darin tiefe spirituelle Erfahrungen machen, quasi in Tuchfühlung kommen mit dem Lebensgrund, sich einsehen – natürlich nicht kognitiv, sondern in unmittelbarer Handlungserfahrung; Kinder finden zu Ausrichtung und innerer Ordnung, zur Selbst-Verständlichkeit, dem Maß der jeweiligen Entwicklungsstufe entsprechend. Entwicklungsbedürfnisse sind Lebens-Bedürfnisse, und das Setting der Tonfeldarbeit ist in genial minimalistischer Weise genau so ausgelegt, dass dieser Prozess des Werdens zu sich selbst ins Zentrum des Erlebens gerückt wird.

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