Was haben Hände mit Bewusstseinsbildung zu tun?

Der Mensch ist mehr ein homo hapticus als ein homo sapiens. Die Bewusstseinsbildung verdankt er maßgeblich der Umbildung seiner Hände zu Greifwerkzeugen.

Diese Schlüsselstellung der Hände wird offensichtlich, wenn man unsere Art, die Welt zu erfassen mit der von Hunden vergleicht. Obwohl Hunde rein optisch die Welt genauso sehen wie wir, wird sie ihnen völlig anderes bedeutsam. Kein Hund interessiert sich für Architektur, allenfalls als Bepinklungsmöglichkeit. Er erfasst die Welt hauptsächlich über die Nase. Und weil sie mitten im Gesicht, also im Zentrum der Daseins-Empfindung sitzt, hat er keine Möglichkeit, inneren Abstand zu sich selbst zu entwickeln. Außerdem ist die Nase ein reines Wahrnehmungsorgan, kein Ausdrucksorgan. Deshalb stößt der Hund bei seiner Weltwahrnehmung kaum je auf Spuren seines Selbstausdrucks, kann sich nicht selbst erkennen. So bleibt er gebunden in seinen ererbten Instinkten und begrenzter Weltoffenheit. 

Ganz anders die Situation, wenn die Welt zentral über die Hände erfasst wird. Die Hände sind Wahrnehmungs- und (Selbst)Ausdrucksorgan in einem. Das verdanken sie ihrer hochdifferenzierten Eigenbeweglichkeit und Greiffähigkeit. Sie ermöglichen eine nahezu unbegrenzte Umgangserfahrung mit der Welt, so dass alles zum Gegenstand unseres Interesses werden kann. Indem aber alles, mit dem wir uns handelnd befassen, nun notwendig von unserem Selbstausdruck, d.h. unserer Art des Herangehens mitgeprägt ist, begegnen wir indirekt laufend uns selbst. Dies um so mehr, als die Hände genügend Abstand zum Kopf haben, wir also wirklich eine Außenperspektive auf unser Handeln und letztlich auf uns selbst gewinnen können. Das ist die Geburtsstunde der Bewusstseinsentwicklung. Es ist also kein Zufall, dass die Hände in der Evolution ebenso einzigartig dastehen wie das menschliche Bewusstsein. Wenn aber Bewusstseinsbildung resp. seelische Entwicklung so eng mit dem Tun der Hände verknüpft sind, prägt sich über unseren Selbstausdruck an der Welt unser Selbst, unser So-Sein. Erwerben wir uns andere Muster des Handelns und Auffassens, indem wir von anderen anders wahrgenommen, begleitet, erkannt werden, haben wir die Chance, uns selbst anders aufzufassen und innere Hemmnisse und Verhinderungen des Selbstausdrucks zu wandeln.