Spiritualität, Lebensgrund und Ethik

Spiritualität wird Religion, so schrieb es einmal der Schweizer Psychologe Carl Gustav Jung, sei „die älteste Ausdrucksform der menschlichen Seele“. Religionen oder vereinheitlichte spirituelle Bräuche findet man in allen Kulturen der Welt, die sich auch unabhängig voneinander entwickelt haben.

So verschieden die Ausgestaltung der Religionen der Welt auch sein mag, sie sind alle Hüllformen ein und desselben Lebensgrundes, eines gemeinsamen Grundes also, der alles Leben verbindet. Wir gehen recht selbstverständlich davon aus, dass die Gefühlsregungen von Tieren unseren eigenen entsprechen (Schmerz, Freude, Lust, Neugier …), so dass hier also tatsächlich etwas zu existieren scheint, was allen Lebewesen gemein ist (das gilt sogar auch für Pflanzen, nur dass sie mangels Bewegungsmöglichkeiten keine Emotionalität (von ex-motio abgeleitet) äußern können und auf sehr viel langsameren Zeitskalen ‚agieren‘.

Erfahrbar wird dieser Lebensgrund in unserem Fühlen, und das Fühlen wird erfahrbar und ‚lesbar‘ für uns selbst in unserem Gefühls-Ausdruck. Unter Hypnose kann man Schmerzen ‚wegsprechen‘, etwas sehr Saures als süß empfinden lassen usw., so dass den Empfindungen also keinerlei Objektivität zukommt und sie überhaupt erst über den Ausdruck zu dem werden, was sie sind. Es gibt sicherlich starke Neigungen zu einer gewissen Einheitlichkeit. Aber z.B. Ekel ist in unterschiedlichen Kulturen sehr anders kodiert (z.B. Heuschrecken als Delikatesse empfinden), ähnliches gilt für Düfte. Von Indianern wird gesagt, sie kennten keinen Schmerz. Womöglich darf man auch das relativ wörtlich nehmen, dass Schmerz dort eine andere Wertigkeit hat und auch vom einzelnen Menschen – ähnlich wie dem unter Hypnose stehenden Menschen – anders empfunden wird.

Bewusst heranrühren können wir an diesen Lebensgrund allein im Wechselspiel von Wahrnehmung und Bewegung. Wir sind physisch bewegt, wir sind in Gedanken bewegt. Irgendetwas bewegt uns immer (was jeder weiß, der mal zu meditieren versucht hat), und wir wissen nichts über den Urquell unseres Bewegtseins. Wohl aber können wir aus ihm schöpfen und uns so als schöpferisch erfahren. Gleichzeitig können wir uns auch selbst in Beziehung zur Mitwelt schöpferisch gestalten (in unserer Eigen-Art hervorbringen).

Aus der Erfahrung des Lebensgrundes erwächst letztlich auch alle Ethik. Heute hat man oft Schwierigkeiten, zu beurteilen, was ethisch ist und was nicht. Die Kriterien sind meist sehr faktischer, wissenschaftlicher Natur und somit auch ziemlich hölzern und fleischlos. Ethik wirkt damit oft konstrukthaft, um so mehr, je kognitiver der Unterbau. (Man denke an die Diskussion über Stammzellen, künstliche Befruchtung etc., wo oft genetische Argumente ins Spiel gebracht werden, die von der Basis der Gefühls-Bildung gänzlich enthoben sind). Und so rudert man in Ethik-Diskussionen oft im Nebel, weil man nicht mehr weiß, worauf man sich verlässlich beziehen kann, wo man Halt finden kann und nicht ins bloße Meinen, Mutmaßen, kurz in die Beliebigkeit abrutscht.

Die Tonfeldarbeit zeigt – und beweist im Grunde – dass es die freie Beliebigkeit dann doch nicht gibt. Bei ihr geht es ja zentral um das Wechselspiel von Wahrnehmung und Bewegung, und die Gestaltungen, die sich dort ergeben, folgen immer(!) einem Sinnzusammenhang. Sie sind nie beliebig, erlauben bestimmte Vorhersagen oder Rekonstruktionen eine Folgerichtigkeit. Diese Folgerichtigkeit ist allerdings nur gegeben, wenn die Intention der Bewegung nicht aus der (kognitiven, vorgefertigten und letztlich nicht vorhersagbaren) Vorstellung kommt oder eben aus der Tiefe des Lebensbedürfnisses.

Letztendlich ist es erstaunlich einfach, an diesen Urquell heranzurühren, beispielsweise in diesem kleinen Tonkasten und dem besonderen Setting der Tonfeldarbeit. So banal der Aufbau auch ist, kann doch jeder daran zu solcher Grund-Erfahrung gelangen und dann merken, wie sich sein Wertegefüge wandelt, wie es eine andere Tiefendimension bekommt, wie das Konstrukthafte abfällt bzw. als konstrukthaft erkannt wird und wie anders die Erfahrung des Wesenhaften demgegenüber ist (Wesen meint das schiere Sein der Dinge und eben nicht nur die Erscheinungsform der Oberfläche. Schließlich ist es ja vom Verb ’sein‘ auch abgeleitet: sein – war -gewesen). 

Dieser Erfahrungsprozess des Lebensgrundes ist freilich nicht instrumentalisierbar und objektivierbar, nicht vom Subjekt, dem einzelnen Menschen, ablösbar. Letzteres ist allerdings der Anspruch der Ethik, nämlich eine Allgemeinverbindlichkeit herzustellen. Eine lebendige Ethik kann demnach nur so gestaltet sein, dass sie einen groben, allgemeinverbindlichen Orientierungsrahmen setzt und den Rest in Kulturarbeit leistet, indem eben eine gewisse Achtsamkeit für diesen Prozess von Wahrnehmung und Bewegung neu kultiviert wird (beim Leben in freier Natur stellt sich diese Achtsamkeit von selbst ein, wohingegen er in modernen Gesellschaften ins Ungefähre verschwimmt).

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