Rolle des Begleiters

Das Wort, das du brauchst, kannst du dir nicht selber sagen.

Wenn man als Laie einer Tonfeldstunde zuschaut, erkennt man nicht viel von dem feinen Beziehungsgespinst, was da zwischen demjenigen, der am Tonfeld arbeitet, dem Material Ton und dem Begleiter gewoben ist. Der Begleiter sagt einige sehr beiläufige, ziemlich banale Sätzchen: Wie fühlt sich der Ton an? Geh mal jedem Wunsch nach. Hast du ein Bild dafür, was da so in den Händen entstanden ist. Manchmal macht nur mhm oder murmelt etwas, nie was Konkretes, und man hat das Gefühl, das könnte im Grunde jeder. Dabei ist jede Äußerung sehr genau überlegt. 

Der Begleiter erfüllt zunächst einmal drei Funktionen. Er bietet ein Gegenüber, auf den man sich beziehen kann, er bietet Halt in der Beziehung, dass man eine Art Anker hat und sich nicht im Off verliert, und er vermittelt. Er vermittelt den Menschen, der da arbeitet, gewissermaßen an sich selbst zurück, indem er die Intention in den Händen erkennt und dies anspricht, aber nur ganz indirekt. Als Menschen sind wir immer gedoppelt: Wir haben ein Sein und ein Bewusst-Sein. Entweder sind wir mitten im Spielfeld des Lebens oder auf der Zuschauertribüne. Beides zusammen geht nicht. Wenn wir uns in unserem Tun beobachten, dann ist unser Tun etwas Gemachtes und nicht etwas aus dem Sein heraus Hervorgebrachtes. 

Derjenige, der am Tonfeld arbeitet, kennt nicht die tiefere Intention seiner Hände. Im Bewegungsgestus liegt immer eine Suche nach Erfüllung oder Vollendung wie auch eine Verhinderung. Und da sie etwas Gesuchtes ist, weiß derjenige, der da arbeitet, noch nicht so genau, was er denn tatsächlich finden möchte, wie er sich in der Bewegung erfüllt. Der geschulte Begleiter kann die Intention in den Händen immer einen Schritt voraus erkennen. Er sieht, um welche Qualität es geht – Berührung, Halt, Gleichgewicht, Positionierung, Raum, Grund etc. – und kann sie sehr indirekt ansprechen. Die etwas komische Frage: Wie ist der Ton so in den Händen? muss oft gar nicht beantwortet werden, aber es lenkt für einen Augenblick die Aufmerksamkeit auf das Wahrnehmen. Und wenn das im genau richtigen Moment erfolgt, wo tatsächlich eine bestimmte Qualität in den Händen aufscheint, dann greift der Tonfeldarbeitende diese Qualität genau auf. 

Eben weil jeder Bewegungsgestus eine Tendenz auf Vollendung in sich trägt, sind die Handlungsfolgen nie ganz zufällig. Sie fügen sich, mindestens in der Rückschau, zu einer Sinnordnung – allerdings nur, wenn der Begleiter diese erkennt. Wird diese Sinnordnung nicht erkannt, verliert sich der am Tonfeld-Arbeitende in Zufälligkeiten, im Bedeutungslosen. Er geht gewissermaßen leer aus, während er sich bei richtiger Begleitung in der Bewegung erfüllt. 

Der am Tonfeld Arbeitende ist in der Arbeit eigentlich mit dem Prozess seiner Verwirklichung beschäftigt. Er kehrt eine innere Bewegtheit nach außen, äußert sich, um sich dessen dann inne zu werden. Aber darin muss er gesehen, bezeugt und mitmenschlich angesprochen werden, nur dann ist es wahr, nur dann zählt es. Der Begleiter erkennt gewissermaßen hinter all dem äußeren Tun das dahinterliegende Lebensbedürfnis des Menschen, eigentlich den Menschen selbst. Und jeder Mensch will erkannt sein als der, der er im Grunde seiner Seele ist. Dieses Schauen gelingt nicht, wenn man Kaffee kocht oder andere funktionale Aktionen macht, sondern nur im offenen Prozess der Gestaltung. Und wird der Mensch als der, der er ist, erkannt, erkennt und versteht er sich selbst. Darin liegt die Tiefe dieser Arbeit. 

 

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