Wann Loben schädlich ist

Loben wird gemeinhin immer als positiv und insbesondere in der Kindererziehung als wichtiger Erziehungsfaktor angesehen. In dieser Allgemeinheit ist das aber nicht richtig. Es gibt ein förderliches Lob und ein vermeintlich förderliches Lob, welches in Wirklichkeit aber viel mehr schadet als nützt. Es ist wichtig, diese beiden Arten von Lob unterscheiden zu können.

Lob ist dann gut, wenn das Kind – oder auch ein Erwachsener – von den Eltern (vom Chef) beauftragt wurde, etwas ganz Bestimmtes zu tun in einer vorgegebenen Weise, also eine Art Auftragsarbeit zu erledigen. Wenn die Arbeit getan ist, möchte man gerne dafür gelobt werden, und wenn die Arbeit wirklich gut war, ist das Lob an dieser Stelle auch angebracht.

Ganz anders sieht es aus mit Lob für Tätigkeiten, die ein Kind aus spontanem Antrieb macht und worin es sich selbst zum Ausdruck bringt – z.B. ein Bild malen, etwas bestimmtes vorführen usw. Solche Tätigkeiten sind im Grunde nicht lobbar, weil es hier die Kategorien gut und schlecht nicht gibt. Hier zeigt sich das Kind und versucht sich selbst zu verstehen, indem es sein Inneres äußert. Ein Lob würde hier eine Wertung hineinbringen und damit die ganze Thematik von ‚bin ich gut genug‘ aufrufen, die für das Entwicklungsbedürfnis nur bremsend und verhindernd ist.

Beim Lob gibt es immer eine Hierarchie. Man käme selber nicht auf die Idee, den eigenen Chef zu loben: Gut gemacht, Chef, weiter so, da wird aus Ihnen noch mal richtig was. Auf seelischer Ebene gibt es eine solche Hierarchie nicht. Da möchten Menschen mitmenschlich nur verstanden werden, nicht mehr und vor allem nicht weniger. Wenn Kinder in Tätigkeiten ihres Selbstausdrucks gelobt werden, führt das dazu, dass sie künftig ihr Verhalten mehr an den Elternerwartungen ausrichten und bestimmte Tätigkeiten nur aus Gründen billigen Lobes tun (siehe hierzu auch das ZEIT-Interview mit Jesper Juul). Damit verpassen sie sich selbst, sammeln sich nicht mehr richtig, verlieren sogar den roten Faden ihrer eigenen Motivation, kennen sich nicht richtig in sich selbst aus (weil sie dann eben Dinge tun, die nicht ihrem Selbst-Verständnis dienen).

Ich will dazu ein Beispiel bringen aus eigener Erfahrung. Wenn ich als etwa 10jähriger Mittags aus der Schule kam, war meine Mutter meistens zuhause und hatte das Essen fertig auf dem Tisch. An zwei Tagen in der Woche war sie allerdings um diese Zeit noch arbeiten und kam erst eine Stunde später. Das Essen war dann trotzdem schon bereitgestellt, mein älterer Bruder und ich mussten es nur noch warm machen, essen und dann… ja, aufräumen, Teller abwaschen, abtrocknen. Da begann dann immer Streit, wer was macht und wer zu viel macht. Oft ließen wir das Geschirr sogar ungewaschen stehen oder machten nur das Allernötigste. Einmal aber war ich allein zuhause, und da wollte ich auf einmal meine Mutter mit eine picobello-blanken, best aufgeräumten Küche überraschen. Ich wollte, dass ihr vor Freude und Staunen die Augen herausfallen. So sah die Küche dann tatsächlich aus. Ich verzog mich auf mein Zimmer, um nur nicht zugegen zu sein, wenn sie kam. Als sie dann kam und die Küche sah, stieß sie einen spontanen Laut der Freude und Überraschung aus. Das hatte mich mich total gefreut – in meinem Zimmerchen. Dann kam sie zu mir, und lobte mich ausführlich dafür. Das hätte sie besser nicht tun sollen. Das Lob erschien mir vergiftet, dass sie mein Verhalten fördern wollte, damit ich es das nächste mal auch wieder so mache. Ich fühlte mich irgendwie gekauft. Letztendlich habe ich das nie wieder gemacht. Hätte sie das viel beiläufiger noch später mal angemerkt: Du Scheißerchen, süß bist Du! oder so ähnlich, ich hätte meine Freude daran gehabt, sie weiter zu erfreuen, nicht aber für Lob. Die Überraschung wäre ja beim nächsten mal schon eine Erwartung und das Lob würde kleiner ausfallen, irgendwann wäre die Picobello-Küche Standard und eine Abweichung davon würde sogar dann getadelt. Kann man sich ja als Kind nicht darauf einlassen. Aber für eine tolle Beziehung und ihre schlichte Mitfreude hätte ich selbst irgendwann Freude an dieser sinnvollen Tätigkeit gefunden.

Lob verdirbt grundsätzlich das Spontane. Eine Auftragsarbeit ist niemals spontan, also darf und soll hier gelobt werden. Handlungen des Selbstausdrucks sind immer spontan, und hier gelten dementsprechend andere Spielregeln. Auf Spontanes kann man richtigerweise nur spontan antworten. Alles was man pädagogisch hinzufügt (oder bewusst zurückhält), unterbricht den natürlichen mitmenschlichen Beziehungsfluss. Wer sich in seinem Selbstausdruck zeigt, will Beziehung haben, sich am Anderen, am Du, reflektieren.

Motivation und Eigeninitiative erwächst aus ganz anderer Quelle. Der Mensch ist immer sein eigener Zweck (wie jede Blume letztendlich auch), und das zentrale Anliegen ist die Entwicklung der Eigenheit und sich darin verstehen und behaupten zu wollen. So braucht es vor allem widerständige Erfahrung, an der das Kind (innerlich) wachsen kann, etwas Gelingendes, was gegen Widerstände errungen wurde. Und darin muss das Kind gesehen werden, muss das Errungene bezeugt werden, aber weniger das äußere Errungene, sondern das innerlich Errungene. Wird auf das äußere Ergebnis geschaut und dieses gelobt, verflacht das Kind mit der Zeit. Es versucht dann vermehrt, gefällige Ergebnisse hervorzubringen, derweil es in der Entwicklung seiner Eigenheit leer ausgeht.

Am Tonfeld sind solche Kinder eine große Herausforderung. Tendenziell reagieren sie skeptisch, wenn nicht sogar allergisch auf Angebote, Ermunterungen, Einladungen, etwas bestimmtes zu tun. Hier lässt sich am besten mit Überraschungen arbeiten, mit Reaktionen, die die Kinder so nicht erwarten, vielleicht sogar einem gewissen Maß an Schroffheit (gepaart mit Humor), so dass die Gespenster der subtilen Vereinnahmung verschwinden können und trotzdem Beziehung und Resonanz entstehen kann. Und dann gewinnen diese Kinder ganz allmählich wieder Vertrauen in ihre Eigeninitiative, Zugang zu ihrer Lust und Motivation, ein Gefühl für positive, erfüllte Eigenheit, die sich nicht aus der Erwehrnis gegen andere definiert. 

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*