Wirksame Möglichkeit, sein Kind aus einem seelischen Loch herauszuholen

Erziehung ist immer wieder neue Herausforderung. Wie geht man um mit einem Kind, das sich z.B. total verweigert, das in abwehrende Launen hinein verfällt, wo weder gutes Zureden, noch Androhung von Konsequenzen wirklich hilft.

Hilfreich ist in Situationen eigentlich immer ein kleiner Perspektivwechsel, nicht zu schauen, was macht mein Kind oder was macht es ‚falsch‘, sondern ‚wer ist mein Kind‘. Welcher Mensch kommt mir da entgegen, was ist sein eigentliches Lebensbedürfnis hinter dem, was es gerade tut. Heißt aktuelle Verweigerung z.B., ich will nicht fremdbestimmt sein, heißt es: ich will Dich bestrafen dafür, dass Du ein bestimmtes Bedürfnis nach Nähe, Gesehen sein, Zeit im eigenen Handeln nicht erfüllt hast (selten geht es wirklich darum, eine bestimmte Sache tatsächlich zu haben, sondern mehr um das Erleben des Übergangs von Nicht-haben zu Doch-haben, was letztlich ein Bedürfnis nach Selbstüberschreitung und also Entwicklung ist). Oft ist es schwierig, dieses wirkliche, hinter allen äußeren Handlungen liegende Lebensbedürfnis zu erkennen, zumal man selbst meist emotional in die Situation verstrickt ist.

Kommen solche – häufig eskalierenden – Situationen öfter vor, dann haben sich manchmal auch schon Gewohnheitsmuster eingeschlichen, die halb ‚automatisch‘ ablaufen, auch wenn die ursprünglichen Umstände, aus denen heraus sich ein solches Verhalten entwickelt hat, längst nicht mehr existieren oder das Kind da schon herausgewachsen ist. Ein Beispiel dafür wäre extreme Anhänglichkeit an die Mutter, Baby spielen, sich hilflos zeigen u.ä. Hier gilt es, sehr genau hinzuschauen, ob da wirklich ein tiefes Nachholbedürfnis besteht oder ob alle Bedingungen dieses Nachholens gegeben sind und diese Muster nur aus Gewohnheit noch fortlaufen, das Kind also ein bisschen Show macht (unbewusst). Aus diesem Automatismus findet das Kind oft aus eigener Kraft nicht gut heraus, auch wenn es sich selbst darin gar nicht richtig wohl fühlt. Mitunter haben sich einige Muster bewährt, um z.B. Aufmerksamkeit oder Bekümmertheit auf sich ziehen, und sind dann irgendwann sogar zum Machtmittel geworden (was sich im übrigen auch nicht gut anfühlt). Die Verweigerung gegenüber bestimmten Aufforderungen oder Bitten heißt dann: ich möchte haben, dass Du meine Liebe erflehst und Dich dafür bedingungs- und grenzenlos ins Zeug wirfst. Der tatsächliche Wunsch ist aber nie Überlegenheit, sondern menschliches Miteinander auf Augenhöhe.

In solchen Fällen gibt es ein sehr gutes Mittel, Kinder – bzw. die Eltern-Kind-Beziehung – aus dieser Sackgasse zu befreien. Sie besteht darin, zunächst einmal liebevoll und mit viel Zeit-lassen auf das Kind einzugehen, ein klein wenig in die Stille zu kommen (mindestens mal einen tiefen Atemzug lang), um einen Raum zu öffnen, in dem Resonanz und Bezogenheit entstehen kann. Man kann dann – unverhofft – dem Kind ein Angebot zur Versöhnung machen (und die Logik des Rationalen, etwa einen Kompromiss zu finden, damit erst mal außer Kraft setzen). Meist geht das Kind nicht darauf ein, mag es aber, gebeten zu werden. Diesen Versuch kann man, leicht variiert, noch einmal wiederholen. Oft gefällt sich das Kind freilich in seiner ablehnenden und damit machtvollen Rolle.

Dann aber erfolgt die Überraschung. Man vollzieht eine abrupte 180 Grad Kehrtwende, gibt alles Bekümmertsein auf (ohne dabei selbst emotional ergriffen zu sein, sondern ausgerichtet auf das Ziel, das Kind aus dieser emotional verhakten Situation herauszuholen), lässt es mit sich allein (‚dann mach doch, was Du willst‘) und geht seinen eigenen Sachen nach, bleibt dabei ganz bei sich (also nicht auf Wirkungen beim Kind schielen. Selbst wenn das darum geht, dass das Kind zum Einkaufen oder zum Arzt mitkommen soll, man also auf die Kooperation des Kindes eigentlich angewiesen ist, kann man die Verbindung zum Kind kurzzeitig kappen). Dieses plötzliche Umschalten holt das Kind unmittelbar vom Sockel seiner ‚Machtposition‘. Keinem Kind ist der plötzliche Verlust des sog. Rapports egal (der resonanzhaften Verbindung, selbst wenn sie disharmonisch ist). Das Kind findet sich dann auf einmal im seelisch ‚leeren Raum‘, und dann ist es glücklich, wenn es den Kontakt zu Mutter oder Vater doch wieder herstellen kann. Wichtig ist an dieser Stelle, keinerlei(!) Überlegenheitskommentar, keine Bewertung, kein ‚geht doch‘ o.ä. loszulassen, sondern sich im Stillen gemeinsam freuen, dass die Verbindung wieder geglückt ist. 

Veröffentlicht in Allgemein

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*