Falk Fischer
Falk Fischer

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Physiker, promoviert in theoretischer Chemie. Viele Jahre Wissenschaftsjournalist für SWR2-Wissen, Ausbildung in der Arbeit am Tonfeld, seit 2006 praktizierend, mehrere Jahre Fachautor für Pflanzenheilkunde (Buch: Ganzheitliche Pflanzenheilkunde), Online-Marketer

Gelassenheit – ganzheitlich

Gelassenheit

Gelassenheit ist die Heiterkeit des Herzens. Viele verwechseln Gelassenheit mit Coolness (= Show), Lockerheit (sie beschönigt oft ein 'Schlackern der Seele' bzw. einen Mangel an Kontur) oder demonstrativer Gelassenheit (das ist ein Machtinstrument). Echte Gelassenheit ist jedoch frei von allem Wollen, Darstellen, Überspielen. Sie ist halt... gelassen. 

Umgekehrt bedeutet Gelassenheit nicht ein Mangel an Tatkraft, Entschlossenheit oder Durchsetzungskraft. Eher ist sogar das Gegenteil der Fall. Wenn wir etwas ganz unbedingt und harsch etwas wollen, wecken wir auch viele Gegenkräfte. Menschen mit einer authentisch gelassenen Lebenshaltung können in anderer Weise extrem effizient sein, weil sie etwas Gewinnendes und Konstantes ausstrahlen. 

Die schönste Beschreibung von Gelassenheit, wie ich sie hier meine, habe ich kürzlich in dem lesenswerten Buch: Alles was Du suchst vom Schauspieler, Regisseur und Schriftsteller Gabriel Barylli gefunden (es ist ein Weisheitsbuch in Romanform). Darin sagt der Protagonist über seine geliebte Frau: 

"(Früher, als ich noch noch ziemlich unreif war... ) hätte ich ihr Lächeln falsch verstanden und vor allem auch ihr Tempo. Sie hatte keine Eile. Seit ich sie kenne, habe ich niemals einen Tag erlebt, an dem sie gehetzt gewesen wäre. Es lag eine Aura der Gelassenheit um sie. Andererseits war sie auch niemals träge oder zu langsam. Es schien nur so im vergleich mit der rasenden Hektik unserer Normalität, als wäre sie langsam. Das war sie aber nicht. Das ist sie nicht. Sie war und ist - entsprechend. Das Tempo ihres Lebens war auf eine wundersame Art und Weise entsprechend."

Andere Lebensqualität

Gelassenheit ist ungleich viel mehr als nur eine schöne oder nützliche Lebenshaltung in bestimmten Situationen. Nicht umsonst gilt sie in allen Weisheitslehren als das große Entwicklungsziel. Sie beschert uns ein zufriedenes, glückliches, auch langes Leben - und dies unabhängig von den tatsächlichen Lebensumständen. Gelassenheit

  • beruhigt das Herz
  • ermöglicht ein viel freieres, liebevolleres Beziehungsleben
  • verleiht uns eine Aura, in der sich andere Menschen wohl fühlen
  • beugt jeder Art von Verhärtung und Verhärmung vor
  • macht uns genussfähiger
  • schenkt uns ein anderes Verhältnis zur Zeit
  • kennt keine Erschöpfungszustände (sich positiv verausgaben ist was anderes)
  • lässt uns bessere Entscheidungen treffen, weil wir unverstellter in die Welt blicken
  • Sie macht uns angstfrei.

Letzteres ist besonders wichtig. Meist ahnen wie kaum, wie viele subtile Ängste wir in uns tragen. Ängste machen eng, Gelassenheit weitet. Vermutlich ist Gelassenheit sogar unser natürlicher Lebenszustand, nur dass er in unserer überreizten Kultur kaum ge- und erlebt werden kann. Die gute Nachricht ist: Wir können es wieder lernen (dazu eine besondere Überraschung weiter unten).

Die Körperebene: Spannungen im Körpergedächtnis

Körpergedächtnis

Der eigentliche Wert der Gelassenheit ist mir erst relativ spät klar geworden. Nicht durch ein Meditationsseminar oder irgendein Buch, sondern durch die Arbeit am Tonfeld. Wenn Menschen etwas berühren und dabei zunächst keinerlei Absicht verfolgen, dann wird die Art der Berührung oder des Greifens selbst zum Gegenstand ihres Wahrnehmens. Dies macht, dass unweigerlich innere Bilder aufsteigen, Anklänge an früher Erlebtes, teils bewusst, teils unbewusst. Viele dieser Anklänge sind 'Körperbilder'. 

Mit Körperbild meine ich bestimmte, meist durch Erziehung geprägte Anspannungsmuster, die bei bestimmten Handlungsbereitschaften unwillkürlich aufploppen. Z.B. ziehen sich die Schultern nach oben, wenn wir das Material im Tonfeld berühren wollen. Oder die Hände verspannen sich. Vielleicht lehnt sich Körper zurück oder vor, der Atem wird angehalten usw. Für den Akt des Berührens braucht es keine dieser Zusatzanspannungen. Sie sind reines Lametta, Relikte alter Prägungen. 

Verzerrte Wah​​rnehmung

Das Dumme ist, dass diese Körperbilder wie eine Brille wirken, durch die wir auf die Wirklichkeit schauen. Sie verzerren unsere Wirklichkeitswahrnehmung. Wir interpretieren die Dinge oder Situationen nach Art unserer inneren Spannungen. Alles, was uns entspannt, tritt uns als angenehm entgegen. Kein Wunder also, dass gelassene Menschen diese innere Heiterkeit in sich tragen. Sie verspannen nicht. Sie können sich unverstellt jeder Berührung und Beziehungsaufnahme überlassen, sich öffnen für das, was wirklich ist. 

Solange diese Körperbilder nicht aufgelöst sind, ist wirkliche Gelassenheit nicht möglich. Mit der Arbeit am Tonfeld lassen sich jene alten Prägungen im Körpergedächtnis wieder abzuschütteln, dass ein verlässliches Grundvertrauen entstehen kann. Wenn genau im Augenblick einer Anspannung das richtige Wort fällt, wenn das, was als gefährlich oder schlimm erscheint vom Begleiter anders angesprochen und aufgefasst wird, verändert sich die Wahrnehmung. Darauf beruht die große Wirksamkeit der Tonfeld-Arbeit.  

Gelassenheit 2.0: die philosophisch-geistige Ebene 

Der Weg über den Körper ist der direkteste und in der Regel einfachste Weg, um solche fixierten, ins Körpergedächtnis eingeschriebenen Deutungsmuster aufzulösen. Wenn's gut geht, können wir aber auch auf philosophisch-geistigem Wege da herankommen. So vermag eine tiefe Einsicht unser gesamtes Deutungsgefüge zu verändern. Das hat dann manchmal den Charakter einer Spontanheilung. Es ist jedoch selten, dass uns eine Einsicht dermaßen tief erreicht, dass wir danach mit anderen Augen in die Welt schauen. 

Auf Einsicht - neben den Meditations- und Achsamkeitspraktiken - baut auch die Weisheitslehre des Buddhismus. Sie betont ja mit Nachdruck, dass alles ohne Bedeutung sei. Klingt zunächst komisch, denn schließlich hat doch ein jedes Ding seine Bedeutung. Aber das stimmt so nicht in Gänze. Der Ton am Tonfeld ist immer derselbe. Dem einen erscheint er hart, dem anderen kraftvoll, dem nächsten kalt und einem vierten erfrischend. Der Ton als solcher trägt keine dieser Bedeutungen in sich. Wir sind es, die Bedeutungen an das Material herantragen. Es bietet lediglich ein bestimmtes Spektrum an Erfahrungsmöglichkeiten an (lecker hat z.B. noch niemand zum Ton gesagt), worin wir uns selbst in Erfahrung bringen können. Alles, was uns begegnet, jeder Gegenstand, jeder Mensch, jede Situation, ist von dieser Art. Alles erfährt sich am je anderen. 

Die Welt ist ein einziges Spiegelkabinett. Es gibt keine absolute Bedeutung.

Perspektivwechsel

Wenn wir einmal diese Relativität wirklich verstanden haben, dann haben wir die Chance, von allen Bedeutungsgebungen zurückzutreten und ... gelassen zu werden. 

Selbstverantwortung für unsere Heiterkeit des Herzens

Daraus folgt aber, dass wir komplett selber für unser Leben verantwortlich sind. Wir können die Schuld für widrige Ereignisse nicht mehr auf die Ereignisse als solche schieben, sondern nur mehr auf die Bedeutung, die wir ihnen geben. Empfinden wir Einsamkeit ... oder endlich mal Ruhe? Stimmung ... oder übler Krawall. Schrecklicher Tod ... oder gnadenvolle Erlösung. Wir haben immer die Wahl der Perspektive. Und die Bandbreite der Deutungsmöglichkeiten ist riesig. Als einmal ein Wirbelsturm ein bestimmtes Reservat in den USA überflutete und etliche Häuser zerstörte, war in den Medien von einer schweren Katastrophe die Rede. Die dort ansässigen Indianer sagten: Das Tal hat sich gereinigt. 

Alle Bedeutungen basieren auf gesellschaftlichen Vereinbarungen (Kannibalismus ist unter Kannibalen mit einem leckeren Kochevent assoziiert). Die Kernfrage ist im Grunde nur, wie stark wir auf die Deutungsangebote einsteigen und ihnen anhaften. Oder und eben gänzlich davon lösen. Gelassenheit heißt: durchlässig sein.

Zu verinnerlichen, dass nichts in einem absoluten Sinne irgendwie bedeutsam ist, heißt umgekehrt nicht, allem gegenüber gleichgültig zu werden. Ganz und gar nicht. Wir können mit allem mitfühlen und mitschwingen, und das noch sogar viel authentischer, wenn wir nicht anhaften. Denn dann sind wir ja 'gefangen'. So aber werden wir mündiger.

Die zwischenmenschliche Ebene

Zu verstehen, ist die eine Sache. In mitmenschlicher Begegnung Gelassenheit zu leben, ist eine andere. Politische Diskussionen, Ehestreitigkeiten, quengelnde Kinder - Gelassenheit, war da was? Irgendwie tut es ja auch manchmal gut, richtig Pfeffer in die Suppe zu geben. Was lediglich nicht passieren darf, ist, dass wir ferngesteuert werden. Dass andere uns die Knöpfe drücken. Dass uns Worte oder Sätze am Wickel packen und uns hinreißen zu irgendwelchen Ausbrüchen. Da sind wir nicht mehr wir selbst. 

An dieser Stelle Gelassenheit zu predigen, hilft nicht viel, weil die Anspannung nun nicht mehr ausschließlich in mir bzw. im anderen als Person liegt, sondern zu einem großen Teil im Dazwischen. 

stille Gespräche

Jeder kennt die stillen Gespräche, wo obenhin irgendetwas gesprochen wird und untendrunter ganz andere Botschaften rüber kommen. Nach außen bleibt der Ton freundlich bis 'scheißfreundlich', und auf der seelischen Ebene herrscht Kampf. Die Erfahrung ist, dass solche stillen Gespräche auch unabhängig von der Gegenwart des anderen geführt werden können. Liebende kennen das, Streitende auch. Es handelt sich um ein rein seelisches Resonanzphänomen. Ich selbst erlebe dieses Resonanzphänomen immer so, als würde der oder die andere in mir arbeiten. Ziemlich real. Und ich in ihm, oder ihr. Inzwischen gibt es zu diesem Synchronizitätsphänomen auch wissenschaftliche Untersuchungen

Seelische Resonanzzustände

Vieles deutet darauf hin, dass der seelische Raum eine eigene Realität hat. Eigene Realität bedeutet, dass die Gesetze dort ein bisschen anders sind als in der Objektrealität. Insbesondere spielen dort Raum und Zeit keine Rolle (in meinem Buch 'Ganzheitliche Pflanzenheilkunde' habe ich im Kapitel: Der Teil und das Ganze' diese Verhältnisse genauer dargelegt). Wir können unsere Wahrnehmung für diesen Seelenraum schulen. Und das lohnt sich sehr, weil wir dann anders mit zwischenmenschlichen Situationen umgehen können. 

Gelassenheit auf dieser Ebene zu praktizieren, ist von etwas anderer Qualität als im körperlichen oder geistigen Bereich. Denn wenn wir in einem seelischen Resonanzverhältnis mit einem anderen Menschen stehen, sind wir nicht mehr vollständig Herr im eigenen Haus. Der Ursprung unserer Willensimpulse ist dann nicht mehr so klar, ob sie ganz aus uns selbst geschöpft sind oder ob der Quell im Dazwischen liegt. Ein Stückweit bilden wir nämlich eine gemeinsame Identität, die gleichpolig (bei Liebenden) oder gegenpolig (bei Streitenden) gestimmt sein kann. Die Folge ist, dass wir den anderen dann entweder blind verstehen oder überhaupt nicht.

Im gegenpoligen Fall verlieren wir unser Hören. Denn egal was der andere sagt, widersprechen wir. Da kann sich der andere auf den Kopf stellen, im Grenzfall kann er sogar mit alle seinen Aussagen komplett mit uns übereinstimmen, wir widersprechen trotzdem. Völlig verrückt - aber die meisten kennen das. Wenn wir gegenpolig gestimmt sind, ist Überein-Stimmung schlichtweg nicht möglich.

Herzöffnung

Herzöffnung

Das einzige, was da hilft ist: Herzöffnung. Sagt sich leichter als es umgesetzt ist. Herzöffnung hat auch zutiefst etwas mit 'lassen' zu tun. Nämlich dass wir Abstand davon nehmen, etwas bestimmtes zu wollen (z.B. den anderen überzeugen). Es liegt in der Natur der Sache, dass im Streit immer zwei unterschiedliche Willen aufeinander treffen. Und diese Unterschiedlichkeit schärft sich meist noch aneinander im Wirbel der hin und her geworfenen Argumente. Überein-Stimmung aber lässt sich so nicht herstellen.

Es geht nicht darum, auf einen eigenen Standpunkt zu verzichten und klein beizugeben. Aber wenn die Argumente für den eigenen Standpunkt sowieso nicht gehört werden (im Sinne eines wirklichen Nachfühlens), dann macht es überhaupt keinen Sinn, weitere Argumente vorzutragen. 

Erst wenn wir loslassen können von jeglichem Wollen, von jeglicher Verhaftung, nur dann entsteht wieder ein echtes Hören und auf der Gegenseite das Gefühl von 'Verstanden werden'. Und dann löst sich wie durch Wunderhand ganz vieles. Sprich: Es gibt auf einmal wieder Lösungen und Überein-Stimmung. 

Diese Herzöffnung hinzubekommen, ist eine hohe Kunst, alles andere als einfach. Sie muss geübt werden - wie jede Kunst. Wer aber diese Kunst beherrscht, der kann zaubern. Der kann Unmögliches möglich machen. 

Gelassenheit lernen: Intensivseminar auf Mallorca

Seminaratmosphäre für's Gelassenheitsseminar

Gelassenheit ist ein solcher Schatz und von so unschätzbarem Wert, dass ich mich entschlossen habe, selber Gelassenheitsseminare anzubieten. Die entsprechende Website dazu werde ich in Kürze aufsetzen.

Das erste Seminar steht allerdings schon fest. Es findet vom 14.-19.11. auf Mallorca statt (wer zeitlich knapp ist, bräuchte sich nur 1 Tag Urlaub nehmen. Do.-Abend anreisen, So.-Abend abreisen. Wer mehr Zeit hat, kann bis Montag bleiben und schon frühzeitig am Donnerstag anreisen).

Veranstaltungsort ist die Finka von Deutschlands berühmtestem Gedächtnistrainer (und Speaker-Trainer) Oliver Geisselhart. Er selbst wird auch mit dabei sein.

Die Jahreszeit ist ideal. Während hier das etwas depressive Schmuddelwetter herrscht, regiert auf Mallorca zu dieser Jahreszeit bei meist angenehmen 18-20 Grad noch der zweite Frühling. Da die Finka nahe bei Palma gelegen ist (nur 12 Minuten vom Flughafen entfernt), entsteht praktisch kein An- und Abreise-Aufwand. Für Vollverpflegung ist gesorgt, und zur Übernachtung stehen 8 schöne 2-Bett-Zimmer bereit. Die maximale Teilnehmerzahl ist auf 16 Personen begrenzt. 

Die Finka
Schlafraum auf der Finka

Ein paar Plätze sind inzwischen schon belegt, aber noch gibt es freie Plätze.

In dem 3-tägigen Seminar widme ich jeden Tag einem der oben genannten Themen. Dem Körper, dem Geistigen (bzw. dem Verhältnis zur Zeit) und dem zwischenmenschlich seelischen Bereich. Wir werden da viele praktische Übungen machen, uns aber auch in Perspektivwechseln üben, in unserer Wahrnehmung schulen und diese seelisch zwischenmenschliche Ebene wie auch die Magie der Herzöffnung intensiv erforschen. 

Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein

Brauchen kann es jeder, und wünschen tut sich's auch so ziemlich jede und jeder: Selbstvertrauen. Wer davon zu wenig hat, kann im Internet googlen. Da gibt es tausende Kurse und Übungen, wie Selbstvertrauen oder Selbstbewusstsein 'hergestellt' werden kann. Ja, hergestellt. Z.B. durch folgende 14 Übungen

Selbstvertrauen leben

- Arbeite an Deiner Körperhaltung (aufrichten, Schultern zurücknehmen...)
- Lerne Dich kennen (die Stärken, die Schwächen, Visionen ...)
- Tu etwas Bedeutsames (Kinder erziehen - geht ja nicht anders, Ehrenamt, im Beruf)
- Verlasse Deine Komfortzone (Dinge tun, die Überwindung kosten. Puhhh)
- Umgibt Dich mit starkem Umfeld (bist Du der Beste im Raum, bist Du im falschen Raum)
- Sorge für Dich (Grenzen einhalten, Ruhe und Entspannung gönnen ...)
- Bringe den inneren Kritiker zum Schweigen (immer feste druff)
- Mache Dir Komplimente (das Gleiche wie eben, nur jetzt in grün)
- Lächle (verbessert die Ausstrahlung. Wer mehr strahlt, strahlt mehr aus)
- Lerne, nein zu sagen (... wenn Du überredet werden sollst; oder Ja, wenn Du Dich schämst)
- Beende ein Projekt (was geschafft zu haben, macht mehr her als nix geschafft zu haben)
- Setze Dir große Ziele (erlaube Dir, groß sein zu dürfen - so richtig)
- Sorge dafür, dass Du Dich in Deiner Haut wohlfühlst (Kleidung, Essen, Sport, Haut sowieso...)
- Sei geduldig mit Dir (falls alles Vorherige nicht klappt; vielleicht später)

Nette Aufzählung, alles richtig. Wenn ich trotzdem die einzelnen Punkte ein bisschen flapsig kommentiere, dann nur deshalb, weil ich eine unwillkürliche Abneigung gegen alles Rezepthafte hege. Als wäre der Mensch 'machbar'. So ist es doch nicht. Schopenhauer hatte bereits erkannt: Der Mensch kann zwar tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will. Wir müssen ja auch an unser Wollen herankommen. Gäbe es dieses Problem nicht, wäre es einfach. Dann würde sich jedeR die 14 Tipps schnappen, sie der Reihe nach abarbeiten und fertig. Selbstbewusstsein - wo ist Dein Problem. 

Der Blick durch die Tonfeld-Brille

Selbstbewusstsein im Greifen


Wenn ich durch die Tonfeld-Brille schaue - und ich bin nun mal ein notorischer Tonfeld-Brillenträger - dann erscheint das Wort Selbstvertrauen bzw. Selbstbewusstsein in anderem Licht. Da gibt es in uns ein Selbst, das wir sind, und ein Ich, das weiß, dass wir sind. Die hängen zusammen wie Pat und Patterchen - als Sein und Bewusst-Sein.

Selbst-Bewusstsein bedeutet demnach, dass das Ich zumindest mal so ungefähr weiß, wie das Selbst tickt und  dass die beiden Freunde sind. Falls dann mal jemand wagen sollte, am Selbst herum zu kritteln, springt das Ich in die Bresche und verteidigt es wacker wie ein großer Bruder den kleinen. 

Selbst-Vertrauen ist im Unterschied dazu noch mal von 'wärmerer' Qualität. Da mögen sich die beiden fraglos, und diese 'große Bruder-Attitüde' spielt keine Rolle. Im Selbst-Vertrauen ruht das Ich viel mehr an der Seite des Selbst (oder im Selbst), und andere kommen bei diesem Zustand kaum mehr auf die Idee, großartig herum zu kritisieren. Vertrauen ist Vertrauen - das hat nichts mit Verteidigungsbereitschaft zu tun. 

Dieses tiefe Vertraut-Werden mit sich selbst ist der eigentliche Kern der Arbeit am Tonfeld. Über das besondere Wechselverhältnis von Selbst und Ich wird noch mal ein anderer Life-Letter erscheinen. Hier nur so viel: Das Selbst ist unser Lebensdrang, es ist jene Instanz, aus der die spontanen Selbst-Ausdrucksimpulse hervorquellen. Diese Impulse sind nichts anderes als unzensierte Handlungsbereitschaften, ncht Handlungen, sondern Bereitschaften. Und das Ich muss sie durchwinken oder von seinem beanspruchten Vetorecht Gebrauch machen, und die Impulse unter Hemmung setzen (manchmal ist das Ich eine ziemliche Spaßbremse). 

Selbst-Vergessenheit als Ausgangspunkt der Selbst-Vertrautheit

Die Arbeit am Tonfeld ist so konzipiert, dass wir uns direkt von Anbeginn an in unseren spontanen Ausdrucksimpulsen erwarten können. Das Ich darf zunächst mal Urlaub machen und kann (und soll) später mit hinzu kommen. Aber erst dann, wenn das Selbst in seiner Ausdrucksdynamik hinreichend 'Schwung' aufgenommen hat. Der am Tonfeld-Arbeitende wird also anfangs immer in einer Weise begleitet, dass er in die Selbst-Vergessenheit abtauchen kann. Das Ich darf sich entlastet fühlen, muss nicht hinschauen, nicht kontrollieren, nicht aufpassen - der Begleiter ist da, übernimmt diesen 'Job'; es kann also nichts passieren. 

Wenn wir (als Tonfeld-Arbeitende) dann in unserem Schwung sind und unser eigentliches Lebensbedürfnis ein Stückweit von der Leine lassen, entsteht von selbst ein Streben nach Klarheit - nie nach Verklärung. Klarheit bedeutet, dass wir uns unseres vitalen Dranges irgendwie bewusst werden. Was in uns nach Erfüllung drängt, verdichtet sich auf einmal zu einem Hand-festen Wollen. Dieser Verdichtungsprozess ist der Urquell unserer intrinsischen (von selbst bzw. vom Selbst hervorgebrachten) Motivation. 

Im Erleben der Übereinstimmung von Selbst und Ich erwächst das Selbst-Vertrauen.

Übereinstimmung heißt: 'Sich eins stimmen', zusammenklingen. Wir können uns darin nicht beobachten - dann säße das Ich außen vor und mit der ÜbereinStimmung wäre Essig - wir können sie nur erleben. Sie geschieht.  

Das geschieht bei Erwachsenen, es geschieht bei Kindern (die oben genannten 14 Punkte mögen für Erwachsene tauglich sein, aber wie bringt man das Kindern nahe, wenn sie es sind, die zu wenig Selbst-Vertrauen haben?). Die Arbeit am Tonfeld macht da keinen Unterschied. In der Praxis sehe ich ja am lebendigen Beispiel, wie gut das immer wieder gelingt. Da ist nie die Frage: wie trete ich selbstbewusst auf, wie behaupte ich mich gegenüber anderen, welche Techniken kann ich einsetzen. Das Selbst-Bewusstsein wächst dort auf dem Boden des Selbst-Vertrauens. Und das lässt sich eben nicht erstreiten. Es ist der tiefere Zustand, der ruhendere, während das Selbst-Bewusstsein die nach außen - und ggf. auch sich selbst gegenüber - gezeigte Form ist. 

Anstrengungslose Selbstregulation

Im Zustand des Selbst-Vertrautseins richtet sich der Körper bzw. die Körperachse von selbst auf. Wenn ich die obige Liste durchgehe, dann erledigen sich die meisten Punkte en passent. Die Sorge für sich selbst, das Wohlfühlen, das Lächeln, das Geduldig-und Befreundet-sein, all dies ist in der Arbeit am Tonfeld zwanglos mit eingepreist. Und das Sich-selber-kennenlernen muss hier nicht per Fragenkatalog überlegt werden, sondern geschieht auf die organischste Weise. Anstrengungslos. Schließlich ist da noch der innere Kritiker - mit Tonfeldbrille das Ich, wenn's gerade mal wieder streng drauf ist - auch das muss sich bei dieser Arbeit nicht selbst den Mund verbieten. Hier geht es anders: Es legt sich ins Bett des Selbst. Und wo zwei im Bette liegen, da wird naturgemäß meist wenig geplaudert. 

Die Arbeit am Tonfeld ist freilich vielfältiger. Nicht jedeR, der ans Tonfeld kommt, hat das Thema Selbstvertrauen oder Selbstbewusstsein ganz oben auf der Agenda stehen. Aber egal, was da steht, im Nebeneffekt geschieht immer auch eine Stärkung des Selbst-Vertrauens. Es lässt sich nicht vermeiden. Die meisten - grob geschätzte 100% - können damit gut leben. 

Winking Face

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Die Angst vor der Lust

Die Lust ist eines der schönsten Gefühle, die Menschen so haben können. Sie ist kein unmittelbar emotionales Empfinden, sondern eher ein verspürter Handlungsantrieb. Und im Sexuellen bekommt sie noch mal einen ganz anderen Beiklang - natürlich auch als Handlungsantrieb. 

Da liegt es nahe zu glauben, dass alle Menschen in Sachen Lust sofort Hurra schreien würden: Ich habe Lust auf Lust. Erstaunlicherweise ist dem nicht so. Am Tonfeld kann ich das oft beobachten, dass Lust oft nur mit Handbremse gelebt wird, als gefährlich erscheint bzw. mit Angst belegt ist. 

Urvölker, das vermute ich so, kennen diese Angst wahrscheinlich nicht. Sie sind, salopp gesagt, weniger katholisch (nichts gegen das Katholische, nur gehört die Lust nicht zu den ausgewiesenen Kernkompetenzen dieser Kirche). Soll lediglich heißen, dass sie kulturell weniger mit angstbesetzten Verhaltensvorstellungen überprägt sind. Und dass sie dem Archetypischen natürlicherweise sicherlich näher stehen. 

Die Lust ist etwas Archetypisches. Und sie ist das Gegenbild von Kontrolle. Genau das macht sie uns, den Verstandmenschen, mitunter 'unheimlich'. Unheimlich heißt ja, dass wir dann außerhalb dessen sind, was uns heimisch ist. Wir verlassen das Heim, die haltgebenden Wände unserer Kontrolle und geben uns hin, auf Gedeih und Verderb. Das will die Lust. Unbedingtheit. Ewigkeit, Entgrenzung. 

Der - teils übersteigert hellfühlige, oft kränkelnde - Philosoph Friedrich Nietzsche fasste dies einmal in die Verse:

O Mensch! Gib acht!
Was spricht die tiefe Mitternacht?
"Ich schlief, ich schlief -,
Aus tiefem Traum bin ich erwacht: -
Die Welt ist tief,
Und tiefer als der Tag gedacht.
Tief ist ihr Weh -,
Lust - tiefer noch als Herzeleid:
Weh spricht: Vergeh!
Doch alle Lust will Ewigkeit -,
- will tiefe, tiefe Ewigkeit!"

Hier sind beide Pole genau auf den Punkt gebracht: Die Angst - o Mensch, gib acht! - und das Verlangen nach Ozeanisierung, nach Verbindung mit dem Ganzen. Nichts anderes meint ja seine - etwas dick aufgetragene - Tiefe. Und dass er die Tiefe so notorisch betont, kündet ja eindrucksvoll von den Abgründen und der Fallhöhe, die Nietzsche da erahnt. 

Lust als nährende Verbindung zum Ganzen

Wir nähren uns aus der Verbindung zum Ganzen, und das heißt: aus der Lust - seelisch gesehen. Doch der Einsatz, der auf dem Spiel steht, ist unsere Identität (bzw. das, was irgendeine Instanz in uns dafür hält). Wenn wir uns hingeben, geben wir uns auf - so wie der Tropfen, der sich in den großen Ozean ergießt. Auch er verliert dann seine Identität als Tropfen - aber nur, um hernach wieder neu aufzusteigen, gewandelt, erfrischt, transformiert. Wir müssen uns verlassen, ganz wörtlich, wenn wir zu uns kommen wollen, wenn wir einkehren wollen bei uns selbst. 

Wenn wir uns verlassen (sprich entäußern), brauchen wir Verlässlichkeit - ein Urvertrauen. Wir brauchen das Urvertrauen, dass, wenn wir uns fallen lassen, nicht in einer unendlichen Tiefe verschwinden (mit schönen Grüßen von Nietzsche), sondern in eine Mitte hineinfallen. Dass da ein Grund ist, der uns trägt. Heinz Deuser, der Erfinder der Arbeit am Tonfeld, nennt das den Lebensgrund. Wer religiöser angehaucht ist, dem gefällt vielleicht besser noch das Bild, sich fallen zu lassen in Gottes Hände. Und im Vater-unser geht der Satz: 'Dein Wille geschehe', meint aber genau das, sich dem Größeren, Selbstorganisierenden zu überlassen, aus dem heraus wir uns empfangen (wir glauben immer, wir seien schon 'irgendwie', übersehen aber, das das Spontane, wo wir am meisten echt sind, nicht in unserer Macht steht. Da 'empfangen' wir uns). 

Vermittlung über die Mutterbeziehung

Normalerweise wird dieses Urvertrauen und mit ihr das natürliche, unverstellte Verhältnis zur Lust über die Mutterbeziehung vermittelt. Wer im Internet danach googlet, findet erstaunlicherweise nichts. Am Tonfeld kann ich nachfragen. Und da ist es immer so: Wenn die Mutterbeziehung nicht in den wesentlichen Aspekten in Ordnung war, dann ist die Lust immer ein Stückweit mit Handbremse unterwegs. Das bedeutet nicht, dass jene Menschen nicht zur Ekstase (ek stasis - heraustreten aus sich selbst) fähig wären. Manchmal wird Ekstase, Entgrenzung, Lust sogar zur Ideologie verklärt. Wo das der Fall ist, findet sich bei genauerem Hinschauen fast immer eine innere, unerlöste seelische Spannung, etwas Unausgeglichenes. Natürlich, Lust fordert Unbedingtheit, gleichzeitig aber braucht es auch Gelassenheit, um sich eben lassen zu können. Leben ist eine Kunst. 

Wenn am Tonfeld Lust in wilde Matscherei übergeht - und viele Menschen setzen Matschen vorschnell gleich mit Lust pur - dann stimmt etwas nicht. Jede Tonfeldarbeit dringt auf Klärung und Klarheit, nicht auf Rausch. Eine solche Grammatik ist in uns angelegt. Jede Lust, die frei gelebt werden kann, sättigt sich von selbst und mündet in eine Gestalt, sprich in einen möglichst klaren, prägnanten, reinen Ausdruck. Nur in diesem Ausdruck erfüllt sich die Lust. Nur da nähren wir uns wirklich. 

Arbeit am Tonfeld als Weg zum angstfreien Sich-Verlassen-Können

Wann immer 'Angst vor der Lust' vorherrscht, fällt dieses Erleben von Fülle oder Erfüllung karger aus. Mitunter verbleibt etwas unklar Sehnsüchtiges, manchmal Melancholisches, ein Wunsch nach mehr Verbindung mit dem Numinosen. Oder es entsteht ein kleines Erschrecken, sich nicht von dieser 'verbotenen Speise', die man so ein klein bisschen gekostet hat, verführen zu lassen. Es hieße ja, die eigene Identitätsvorstellung ein Stückweit infrage zu stellen. Die einen wie die anderen ahnen jene saftigen inneren Landschaften, kennen aber nicht den Weg dorthin. Am Tonfeld ist es möglich, diese Wege zu finden und Menschen dahingehend zu begleiten. Es geht nicht darum, die Menschen zu verändern, sondern sie an ihre eigene, selbstheilende Kompetenz zu vermitteln. Sie werden ihr eigener Therapeut.  

Was dann passiert, ist, dass sich - oft in kleinen, fast unmerklichen Schritten - die Erfahrung einschreibt: Es ist nicht gefährlich, sich hinzugeben, frei zu atmen, sich zu erstrecken, Berührung zu genießen, einzutauchen in das Material, sich zu zeigen. Ganz - in seinem ungefilterten Selbstausdruck. Und wir sind dann immer noch da, überleben das, versinken nicht im Erdboden. 

Das gelingt nicht unbedingt allen. Das Tonfeld bietet nur Möglichkeit und die Voraussetzungen, dass es gelingen kann. Die Schichten der Tabus, die manchmal um den vitalen Kern herum gelegt sind, können ganz schön verfestigt sein, so dass der Halt und die Sicherheit, die in der Selbst-Kontrolle liegen, höher bewertet werden als jenes Wagnis der freien Lust. Das gilt es zu akzeptieren. Es muss ja nicht eines jeden Menschen Lebensaufgabe sein, dort hin zu gelangen. Manchmal ist der erste Schritt auf dem Weg das gesuchte Heilsame. 

Flammentod und Lebenslust

Welche Vitalität dort am Grund der Hingabe und Lust zu schöpfen ist, wusste nur all zu gut Altmeister Goethe. Sein Gedicht 'Selige Sehnsucht' kündet davon, beginnend mit den berühmten Zeilen: 

Sag es niemand, nur dem Weisen,
weil die Menge gleich verhöhnet,
das Lebend'ge will ich preisen,
das nach Flammentod sich sehnet...

und das dann endet mit den Strophen:

... keine Ferne macht Dich schwierig,
kommst geflogen wie gebannt.
Und zuletzt, des Lichts begierig,
bist Du, Schmetterling, verbrannt. 

Und solang Du dies nicht hast, 
dieses Stirb und Werde
bist Du nur ein trüber Gast
auf der dunklen Erde.

Vielleicht ist das bisschen streng geurteilt. Auch jene, die sich nicht in den großen Ozean oder in das Flammenmeer werfen, können auf ihre Weise großartige Menschen sein und bewunderswert ihr Leben meistern - bei allen Verletzungen, die sie in sich tragen. Aber die leuchtendsten Farben malt das Leben dann, wenn wir die Angst vor unserer Lust ablegen können - fraglos. 

Die Heilkraft der Zeit

Für einen Physiker (wie mich) ist die Zeit ein großes Mysterium: Wo kommt sie her, wie konnte der U(h)rknall dieses geordnete Nacheinander aller Dinge hervorbringen, alles in Bewegung setzen? Und wie können wir uns selbst mit unserer womöglich zeitlosen Seele als zeitliche Wesen begreifen auf unserem unergründlichen Weg zwischen Geburt und Tod?

Die Gegenwart ist ein so hauchdünner Schlitz zwischen Vergangenheit und Zukunft, so dünn, dass fraglich ist, inwiefern sie überhaupt existiert. Sie ist wie ein scheues Tier, nie recht zu fassen, immer schon fort, sobald man sie meint, am Wickel zu haben. Jedes Nach-Denken über die Gegenwart kommt - zwangsläufig - zu spät. Und Gegenwart vor zu denken, quasi auf Reserve, geht auch nicht. Kurzweg: Mit dem reflektierenden Bewusstsein ist ihr nicht beizukommen.

Zeit heilt alle Wunden

Gleichwohl gibt es den Zustand der Gegenwärtigkeit, in den wir uns irgendwie einlassen können, nur halt nicht bewusst wollend. Bewusst können wir eine Öffnungsbereitschaft herstellen, aber dann ist es ein Sich-Überlassen.

Die Hände sind hier an dieser Stelle viel besser. Denn im Tun stellt sich oft wie von selbst und völlig nebenbei ein Zustand echter Gegenwärtigkeit ein. Hier verschmelzen, wenn wir uns genügend Zeit nehmen, Wahrnehmung und Bewegung zu einer Einheit, d.h. zu einem Erlebensmoment, der dann stetig fortrollt. In dieser Einheit liegt eine zutiefst heilende Qualität. Die meisten wissen davon, ahnen es, aber verstehen diese Qualität nicht in ihrer eigentlichen Tiefe. Genau darum soll es im Folgenden gehen.

Der Volksmund sagt salopp: Die Zeit heilt alle Wunden. Abwarten und (Kräuter-)Tee trinken, dann wird's schon. Stimmt ja auch oft, aber das ist nur der banale Aspekt von Zeit. Die Zeit kann viel mehr.

Tatsächlich lässt sich Zeit als echtes und sogar wundersames Heilmittel begreifen, wie eine Arznei, die sich einnehmen lässt - gegen Schlaflosigkeit, gegen Stress, gegen Nicht-In-(der)-Ordnung-sein. Dazu muss sie allerdings auch wie eine Arznei wirklich 'ein-genommen' werden. Und das ist für uns heutige, schnelllebige Gemüter nicht mehr so einfach. Wir haben kaum mehr Übung darin. 

Um die erlebte Zeit zu begreifen, müssen wir das Leben selbst begreifen. Leben ist bedeutungsschöpferische Aktivität, also jener Prozess, der Bedeutung/Sinn hervorbringt (wer sich tiefer dafür interessiert, findet in meinem Buch Ganzheitliche Pflanzenkunde ganz viel darüber nebst einem Fundus an Inspiration und neuartigen Gedanken, beginnend übrigens bei der Quantenphysik). Genaugenommen erwachen wir mit unserer Geburt nur inmitten dieser Aktivität (mitten im Leben), die letztlich - physikalisch ist das so - bereits mit dem Urknall angefangen hat. Es braucht also im Grund nichts anderes als Licht (Energie) und Zeit, und wie von Wunderhand organisiert sich daraus das gesamte Füllhorn der Evolution.

Alles gliedert sich rhythmisch, entwickelt Variationen, nabelt sich ab, bildet neue Nischen, webt sich ineinander, passt sich ein. Diese unglaubliche schöpferische Kreativität und Ordnung entsteht ganz aus sich selbst heraus, wenn, ja wenn man all dies den jeweiligen Eigenzeiten überlässt. Dort, wo Hast aufkeimt, entstehen Spannungen und gewachsene Ordnungen zerbrechen z.T. wieder (heute leben wir in einer überhasteten Zeit, und dieses Getriebensein führt kollektiv in die Kompliziertheit, nicht in die gelingende Komplexität). 

Über die Zeit als solche nachzudenken, kann einen schnell kirre machen. Schon Augustinus philosophierte: 

Was ist also die Zeit? 

Wenn mich niemand darüber fragt, so weiß ich es; wenn ich es aber jemanden auf seine Frage erklären möchte, so weiß ich es nicht. Das jedoch kann ich zuversichtlich sagen: Ich weiß, dass es keine vergangene Zeit gäbe, wenn nichts vorüberginge, keine zukünftige, wenn nichts da wäre. Wie sind nun aber jene beiden Zeiten, die Vergangenheit und die Zukunft, da ja doch die Vergangenheit nicht mehr ist und die Zukunft noch nicht ist?

Die Vergangenheit existiert nicht mehr, die Zukunft noch nicht, und in gewissem Sinne existiert die Gegenwart auch nicht. Gegenwart ist ein Übergang. Sie lebt von Rücklagen aus der Vergangenheit und Anleihen aus der Zukunft, aus dem Widerfahrenen und dem Ahnenden oder Sehnenden. An genau dieser Grenzfläche braut sich das sich selbst organisierende Spontane zusammen. 

Besser verstehen lässt sich sich am Beispiel der Musik. Wie die Gegenwart existiert auch eine Melodie ausschließlich im Vorüberfließen. Sie entsteht an der Grenzfläche von Erinnertem UND Erwartetem. Fehlte eines von beidem, würde jede Tonfolge in zusammenhangloses Geklimper zerfallen. Zwar kann der je nächste Ton beliebig gewählt sein, nicht aber die je folgende Phrase. Eine Melodie zu hören ist so banal wie das Erleben der Zeit. Aber es gehört ein ganzer Kosmos dazu. Permanent muss das Verflossene aktualisiert und mindestens für kurze Zeit im Bewusstsein präsent gehalten werden, derweil gleichzeitig fortlaufend ein nächster Eindruck hereinpoltert und abgeglichen werden muss mit dem soeben noch Erlebten. Aber in eben diesem Prozess kommt etwas zum Klingen. Bezogen auf die Zeit ist das das tiefe Erleben von Gegenwärtigkeit, als würden wir selbst Klang oder Melodie werden.

Gegenwart und Gegenwärtigkeit

Gegenwärtigkeit ist ein Innenraum, den wir nicht betrachten oder 'wissen' können. Sobald wir darüber reflektieren, ist dieser Zustand immer schon vorbei. Aber es ist ein zutiefst heilender Zustand, im Grunde DER heilende Zustand, weil wir dann nämlich angeschlossen sind an das Selbstorganisierende, und das wird ja oft auch als das Göttliche bezeichnet. Diesen Raum also können wir nur betreten. 

Methoden dazu, wie das geht, gibt es so einige. Die bekannteste ist Meditation. Oder Achtsamkeitstraining. Allerdings sind das künstlich hergestellte Situationen, die sich dann nicht so ohne weiteres in den Alltag transferieren lassen. 

Im Handeln geht es leichter. Handeln ist gewissermaßen der natürliche Weg letztlich zu uns selbst, sehr unscheinbar und unspektakulär, aber keinesfalls minder wirksam, wenn... ja wenn das rechte Maß der Zeit dabei gefunden wird. Wird dieses nicht gefunden, geraten wir in eine Art von Aktionismus und Eifrigkeit, sind dann im Kopf ganz woanders als in den Händen, im Grunde also nie bei uns selbst. Die Arten des Handelns, bei denen wir 'außer uns' geraten, sind: Handeln unter Zeit-Druck, funktionales Handeln, fremdbestimmtes Handeln, Handeln unter Erwartungsdruck usw.

Am Tonfeld treten dererlei Muster bei ganz vielen Klienten zutage. Da sind die Hände permanent unterwegs, immer in Bewegung, rastlos. Die Bewegungen müssen dabei gar nicht hektisch sein, können sogar vergleichsweise langsam ausgeführt sein. Und trotzdem wohnt ihnen eine Ruhelosigkeit inne, als stünde es einem nicht zu, die eigene Seele bei sich einkehren zu lassen. Man muss diesen Zustand der inneren Einkehr wenigstens einmal erlebt haben, um zu wissen, was hier gemeint ist. Es ist total erstaunlich, dass manchmal mit relativ wenigen Bewegungen am Tonfeld ein unglaublich tiefer Zustand der Ruhe erreicht wird, wie ihn die Klienten oft für sehr lange Zeit, teils sogar noch nie, erlebt haben. Das hat nichts mit Chillen zu tun, mal ausspannen, bisschen dösen oder so ähnlich. Dies hier ist eine Ruhe, die 'klingt', ein Ankommen im Gewahrsein. 

Der Satz: "Lassen Sie sich ruhig Zeit" gehört zu den häufigeren Sätzen in der Arbeit am Tonfeld. Es ist ein Zaubersatz, auch wenn dieses Zeit-lassen in den seltensten Fällen direkt aufgegriffen wird. Das geschieht nicht aus innerem Widerstand nach dem Motto, ich kann doch selbst bestimmen, wie viel Zeit ich mir nehmen will, sondern... es gelingt einfach nicht. Die Bewegung ist wie in einer Art Schwungrad gefangen, und dieser Schwung kann sich nur 'ausleppern'. Er lässt sich nicht von jetzt auf gleich abstellen. 

Da-Sein

Ich habe selbst mal am Tonfeld genau diese Erfahrung gemacht, bei Herrn Deuser (dem Erfinder der Arbeit am Tonfeld) in der Ausbildung. "Lass Dir ruhig Zeit", sagte er, als ich so bisschen fahrig zu Werke ging. Aber Zeit lassen, das war mir zu blöd. Ich wollte einfach 'mein Ding' reiten - ohne dass ich bemerkt hätte, wie sehr ich da in einer bestimmten Rolle festhing. 

Aber dieser Satz trägt Schichten ab. Das Gefühl, sich Zeit lassen zu können, sickert immer mehr ins Herz, und irgendwann - ziemlich unmerklich - kommt die Seele dem Tun der Hände wirklich an, Wahrnehmung und Bewegung verschmelzen zu einem Akt. In diesem Augenblick wandelt sich der Charakter des Handelns - man kann das deutlich sehen. Es fährt eine echte Erkenntnis in den Ausdruck der Hände, eine andere Art von Gewahrsein, auch von Lust, von Satt-werden, von Berührtsein. Und von da erwacht auch ein wirklich lebendiges, sinnerfülltes Interesse am eigenen Tun. Was da entsteht, ist Präsenz, man könnte auch sagen: Kohärenz - also ein Ein-Klang von äußerem und innerem Menschen. Ab da braucht es kaum noch eine weitere Ansprache von außen, also vom Begleiter, weil das Handeln - und darin der ganze Mensch - sich zu einer eigenen inneren, erfüllenden Ordnung selbst organisieren. 

Die Entspannung der Seele

Im Kern ist dies ein heiliger Moment - und heilender Moment, die Einkehr zu sich selbst, eine Art Nach-Hause-Kommen. Solche Momente können im Grunde in jeder mitmenschlichen Begegnung entstehen, und der Schlüssel dazu heißt ganz einfach: Zeit schenken. Da sein, um da zu sein. Zu keinem anderen Zweck. Und diese Zweckfreiheit bereitet einen Zeit-Raum, der - losgelöst von jedem funktionalen Gedanken - alle Möglichkeit bereitstellt, dass Menschen in Begegnung ihres eigenen Klanges gewahr werden können, also zurückfinden können zu sich selbst.

Der große buddhistische Mönch Thich Nhat Hanh formulierte einmal diesen wunderschönen Satz, der ein Allheilmittel in allen Partnerbeziehungen sein kann: Darling, I am here for you. Nicht: Soll ich in der Küche noch etwas helfen, soll ich Staub wischen für Dich oder Dir ein wunderbares Abendessen bereiten. Zum Herrn mit all dem Aktionismus: Darling, I am here for you. Ich schenke Dir meine Zeit, dass Du Dich an mir in Deinem Da-Sein erleben kannst. 

Das ist übrigens in alteingesessenen Partnerschaften (evtl. mit viel Fernsehkonsum) gar nicht so einfach, kann es doch leicht damit verwechselt werden, dass sich beide nichts mehr zu sagen haben. Oder dass beide erwarten, dass doch irgendein Austausch losgehen müsste, sonst wäre es hier sinnlos verbratene Zeit, in der man auch Besseres hätte tun können. 

Der Unterschied dieser 'verbratenen' Zeit zu jener hier gemeinten heilenden Zeit ist vergleichbar dem Unterschied in einer Meditation zwischen einem schläfrig dösigen Zustand und jenem 100% präsenten, wachen und in sich ruhenden Zustand, wie er angestrebt wird. Wahrnehmende Ruhe. Der (geliebte) Partner kann ruhen am Da-Sein des Anderen - das ist geschenkte heilende Zeit. Das gelingt als Begleiter am Tonfeld, es gelingt auch in Beziehung, wenn es ein Bewusstsein - oder mindestens ein Gschmäckle - dafür gibt. 

Ein solcher Zeit-Raum ist immer ein Raum, wo gewissermaßen Gott zu Wort kommen kann (wie soll man es anders ausdrücken). Es ist einfach etwas Großes, was sich da auftut, ein Zwischen-Raum, der im Grunde immer da ist, aber fast nie wahrgenommen wird. Hier ent-spannt sich die Seele, kann sich also ausdehnen, was mit einem Empfinden von Weite, wenn es gut geht von Ganzheit und Ankommen einhergeht. 

Ich persönlich glaube ja, dass dieser Gewahrseinszustand im Grunde unser Urzustand ist, in dem indigene Völker auch heute noch leben, den wir aber in unserer Kultur verloren haben. Die gute Nachricht ist, dass wir uns wieder daran anschließen oder gewissermaßen zurückerinnern können. Die Arbeit am Tonfeld stellt sich dar als ein möglicher, vor allem so schön 'handfestester' und zugleich maximal schlichter Weg dorthin.

In Ruhe gelassen werden

Manchmal kommen Menschen zu mir in die Praxis, um in Ruhe gelassen zu werden. Klingt verrückt - sie könnten sich ja auch einfach ins stille Kämmerchen zuhause zurückziehen und hätten da ihre Ruhe. Stattdessen machen sie sich extra auf den Weg zu mir, nehmen Fahrt und Kosten auf sich, nur um dann ... in Ruhe gelassen zu werden.

Als mir das das das erste mal begegnete, kratzte das an meinem Selbstverständnis als Begleiter. Wie sollte ich den Menschen weiter helfen können, wenn ich nur da sitze und zuschaue, wie sich die Hände am Tonfeld bewegen - ohne jeden Kommentar, ohne jeden Hinweis.

Die Sache ist tiefgründiger, und die Arbeit am Tonfeld gibt es sogar her, vollkommen still begleiten zu können. Begleiten heißt nicht, einfach nur stumm herum zu sitzen, sondern zu verstehen. Es ist ein Riesenunterschied, für sich allein zu sein oder von anderen Menschen in Ruhe gelassen zu werden. In Beziehung! Da ist jemand, der mich in meinem So-Sein, wie ich bin, wie ich mich ausdrücke in meinem Tun, bedingungslos annimmt.

Viele denken ja, dieses 'Gebastel im Ton' habe mit dem richtigen Leben bzw. dem Handeln im Leben nicht wirklich viel zu tun. Das stimmt aber nicht. Das Tonfeld spiegelt den Menschen, er kommt mit sich und seiner biographischen Erfahrung in Berührung, ganz unmittelbar. Es geht um Erprobungen der Annäherung, der Hingabe, des Ergreifens, des Behauptens, des Sich-Verlassens usw. Und das alles soll mitmenschlich wahrgenommen, bezeugt, ausgehalten und eben: verstanden sein, sonst zählt es irgendwie nicht. Oft geht es dabei um tief spirituelle Erfahrungen, die als solche nicht ohne weiteres bemerkt werden. Es gibt ja keine Räucherstäbchen, keine Klangschalen, keine Meditationskissen, nur Tonerde.

Begegnung mit sich selbst

Was aber passiert, ist eine tiefe Selbstbegegnung, manchmal sogar ein kleines Erschrecken zu sich selbst, ein plötzliches Aufmerken: Huch, das bin ja wirklich ICH. Dies geschieht im Kontext einer Lebenserfahrung, die von Fremdbestimmung geprägt ist oder dem Erleben, nicht gut genug zu sein. Zu oft lauerte in solchen Fällen die Gefahr, dass ich korriert wurde oder mich dagegen behaupten und retten musste. Manche haben darüber eine extreme Sensibilität für Untertöne entwickelt. Sie prüfen jeden Satz bis ins 'Atomare', ob nicht irgendeine Andeutung, die Nuance einer kritischen Färbung mitschwingt - ein Minenfeld für den Begleiter. 

In der Haptik ist nun eine Artikulation möglich, die ganz andere Qualitäten auszudrücken vermag als Sprache. Und immer erzählen die Hände eine Sinngeschichte. Die Bewegungen sind zwar spontan, aber nicht zufällig, eher so wie improvisierte Musik. Der je nächste Ton ist unvorhersagbar, aber die daraus entwickelten Phrasen ordnen sich in eine harmonische Folgerichtigkeit. Und in alledem transportieren sie eine bestimmte Stimmung.

Wenn ich als Begleiter das Tun dieses Menschen am Tonfeld wirklich verstehe, ihn in seinem Ausdruck erkenne und wahrnehme, dann passiert auf seelischer Ebene etwas, was nicht passieren würde, säße ich nur gelangweilt daneben. Erwachsene arbeiten ja mit geschlossenen Augen. Sie können mich nicht sehen, während sie dort arbeiten. Aber der Unterschied ist riesig und hat mit Resonanz, mit Beziehung, mit Begegnung zu tun. Darin liegt ein großer Zauber dieser Arbeit.

In Ruhe gelassen werden

Die Erfahrung, in Ruhe gelassen zu werden, ist für viele Menschen unendlich heilsam, fühlt sich manchmal sogar an wie ein Geboren-Werden, wie ein Niederkommen. Das passiert dann auch ganz real. Die Hände kommen nieder, die Spannungen in den Schultern, im Atem, im Leib lösen sich. In diesem Setting muss an keiner Stelle eine besondere Vorsicht walten wie vielleicht sonst im realen Leben. Jede Form von Anstrengung fällt ab. Indem die Menschen also in Ruhe gelassen werden, können sie in Ruhe gelassen werden. Nicht von jetzt auf sofort, aber Schicht für Schicht.

Atmung und seelische Entwicklung

Nur wenigen Menschen ist bewusst, welch zentrale Rolle die Atmung für die seelische Entwicklung spielt. Hätte ich selbst früher auch nie gedacht. Bei der Arbeit am Tonfeld aber zeigt sich das regelmäßig und vollkommen zuverlässig: Es ist nahezu unmöglich, wirklich bei sich anzukommen, wenn die Atmung nicht stimmt. Der vollständige Bezug zum Leib lässt sich in der Tiefe nicht herstellen, wenn die Atmung zu flach ist. Wer nur im Brustkorb atmet, ist nicht verbunden mit seiner Tiefe, seinem Zentrum. In meiner Praxis habe ich noch keine einzige Ausnahme davon beobachten können - und das gilt für Kinder genauso wie für Erwachsene.

Viele Therapien kratzen mitunter nur an der Oberfläche, weil die Atmung nicht (mit)beachtet wird (auch wenn die Therapien vom Ansatz her gut und hilfreich sind). Es ist einfach eine phänomenologische Tatsache, dass 'Brustatmer' zu wenig an das tiefe Erleben angeschlossen sind. In ihnen ‚klingt‘ zu wenig. Sie werden am Leben nicht richtig satt. Man könnte auch sagen: sie bewohnen zu wenig ihren Leib. Die Folge ist, dass das Leben tendenziell als anstrengend, manchmal erschöpfend empfunden wird und die Burn-out-Gefahr deutlich steigt. Vielfach geht die zu hohe Atmung auch mit Verspannungen im Schulter-Nacken-Bereich einher, in selteneren Fällen auch mit gehäuften Kopfschmerzen. Und fast immer erscheinen Brustatmer 'verkopft'.

Die Bauchatmung ist die natürlich Form der Atmung

Dabei ist die Brustkorb-Atmung eine ganz unnatürliche Atmung, denn der Brustkorb muss sich ja ständig gegen die Schwerkraft heben - viel zu viel Energieaufwand verglichen mit der Bauchatmung. Bei letzterer kann der Atem einfach heruntersacken. Es weitet sich dann der Bauch- und Beckenraum, und zum Ausatmen entspannt sich dieser Bereich einfach wieder.

Wer sich die falsche, 'inverse' Atmung (der Bauch wird beim Einatmen flacher) angewöhnt hat, muss die umgekehrte Koordinaten bewusst erlernen. Manchen fällt das im ersten Moment schwer, gelingt dann aber, richtig begleitet, vergleichsweise schnell. Im nachfolgenden Video zeige ich Dir, wie Du die grundgesunde Atmung üben kannst. Mache sie zu Deiner Standardatmung. 

Das Atmen ist deshalb von dermaßen zentraler Bedeutung, weil sie die genaue Zwischenstellung zwischen bewusst und unbewusst einnimmt. Wissenschaftlicher ausgedrückt heißt das: Sie wird gleichermaßen von Stammhirnimpulsen wie auch von Großhirnimpulsen angesteuert. In ihr berühren sich quasi Bewusstsein und Unterbewusstsein, Fühlen und Denken, Spontaneität und Kontrolle. Die Atmung ist der Dreh- und Angelpunkt zwischen dem Selbst und dem Ich. 

Leben mit angehaltenem Atem

Ans Tonfeld kommen öfter Klienten, deren Atem nicht hörbar ist, selbst sie kräftig 'schuften' und dementsprechend schnaufen müssten. Sie halten ihren Atem zurück, und es hilft in aller Regel auch nur wenig, wenn ich sei direkt darauf anspreche. Zwei Atemzüge fließen dann etwas freier. Danach verstummt der Atem wieder. Sie empfinden es als unangenehm oder aufdringlich, sich selbst atmen zu hören. Das ist schon eine steile Auffassung - schließlich muss jeder Mensch atmen. Aber ganz so seltsam ist es dann doch nicht, denn der Atem hat viel mit Selbstausdruck zu tun, mit ‚Sich zeigen‘. Wer flach atmet, der lebt tatsächlich ‚mit angehaltenem Atem‘ (bzw. mit an sich haltendem Atem), mit Handbremse. Ein pralles, erfülltes Lebensgefühl kann sich dann nicht einstellen.

Der frei fließende, ruhige, tiefe Atem bindet den Leib zu einer Einheit. Das ist einfach so. Er verbindet darüber hinaus auch mit anderen Menschen. Zurückgehaltener Atem führt so gut wie immer auch zu zurückgehaltener sozialer Kommunikation. Und wer so etwas wie 'seine Mitte' finden will (was immer das heißt, dazu an anderer Stelle mehr), der muss alle Teile verbunden fühlen. Nicht von ungefähr schenken alle Meditationstechniken dem Atem besondere Beachtung. 

Richtiges Atmen will ggf. geübt sein

Meine Empfehlung. Kontrolliere, ob Du standarmäßig normal atmest. Wenn es Dir schwer fällt, wenn Du Dich konzentrieren musst für diese natürliche Atmung, dann übe sie ein, wie im Video gezeigt - mindestens zwei Wochen lang, täglich 2 x 5 Minuten. 10 min Zeit am Tag kann sich jeder freischaufeln. Dies verändert etwas. Achte auch darauf, dass Deine Kinder richtig atmen (falls Du welche hast). So kannst Du Dir eine Menge Erziehungsstress und z.T. sogar Therapien sparen.
Ich freue mich sehr, wenn Du das Video bzw. diese Seite teilst und weiter empfiehlst.

Klimawandel und Tonfeld

oder: Über Heldenreisen

Wie aktuell die Jugend auf die Straße geht gegen den Klimawandel, das hat insbesondere auch ganz viel mit Persönlichkeitsentwicklung zu tun. Wie die Arbeit am Tonfeld auch - nur anders. Klar, wer nur einen Hammer zur Verfügung hat, für den wird jedes Problem zum Nagel. Für mich ist alles Tonfeld - also auch die Klima-Debatte, selbst wenn das Herumkneten im Ton keine so ruinösen Mengen an Reibungswärme erzeugt, dass das Klima auf keinen grünen Zweig mehr kommt. 

Persönlichkeitsentwicklung zum Mitverfolgen - Grete Thunberg

Nein, es geht um etwas anderes: Um Persönlichkeitsentwicklung, um Mensch-werden. Große Krisen bringen fast immer auch große Persönlichkeiten hervor. In guten Zeiten ist das erstaunlicherweise schwieriger (aber natürlich nicht unmöglich, zumal es Krisen- oder persönliche Bewährungszeiten immer gibt).

Bei der Klima-Wandel-Diskussion denkt jeder sofort an die Fridays for future-Bewegung. Sie hat ja tatsächlich - und verdient daher diesen Namen - viel in Bewegung gebracht, mindestens mal im kollektiven Bewusstsein. Und natürlich auch Widerstände hervorgebracht, als würden diese Kinder unser gutes Klima schlecht reden (jetzt haben wir den Salat, den verdorrten). Aber der Widerstand ist wichtig. Denn ohne diesen könnte sich die Bewegung kaum konturieren und schleifen. Sie hat inzwischen den Charakter einer Art kollektiven Heldenreise angenommen, ohne das Wort 'Held' jetzt zu hoch hängen zu wollen. 

Heldenreisen... 

... wie sie in klassischen Sagen oder in Romanen erzählt werden, sind immer Wandlungsreisen, d.h. immer Versinnbildlichungen unserer Persönlichkeitsentwicklung. Sie beginnen oft damit, dass der spätere Held (oder die Heldin; ich bleibe mal bei Held, um es nicht zu kompliziert zu machen) irgendwie im Leben herumschlabbert. Er könnte alles mögliche tun, könnte es aber genauso gut bleiben lassen - es macht keinen wesentlichen Unterschied. Das führt dann schon mal zu der Klage: Mama, müssen wir heute schon schon wieder tun, was wir wollen? 

Als Mensch sind wir aufgefordert, uns als Person hervorzubringen. Jeder strebt letztendlich nach Unverwechselbarkeit und Individualität. Wie dichtet nicht schon Wilhelm Busch: 

Sag Atome, sage Stäubchen,
sind sie auch unendlich klein
haben sie doch ihre Leibchen
und die Neigung, da zu sein.

Haben sie auch keine Köpfchen,
sind sie doch voll Eigensinn.
Trotzig spricht das Zwerggeschöpfchen:
Ich will sein, so wie ich bin.

Um uns aber in unserer Kraft und Eigenheit auch erleben zu können, braucht es Widerstände - nicht von Anbeginn an, aber irgendwann. Erst wenn wir Dinge erringen und dem Schicksal abtrotzen müssen, gewinnen sie ihren Wert. Seelischen Wert. Seelisches Wachstum vollzieht sich vor allem an widerständiger Erfahrung.

Dann irgendwann ereilt den Helden, der von seinem Schicksal noch nichts weiß, ein Ruf. Er muss die Welt retten, mindestens, oder Drachen töten, etwas, das nur er allein machen kann.

Am Tonfeld ist dieser 'Ruf' die erste spontane Bewegung, die quasi ursachelos hervorquillt. Was da ruft, ist ein Lebensbedürfnis, ein Bedürfnis nach Wandlung, Aufbruch, Transformation. 

Echte Persönlichkeitsentwicklung geschieht fast immer an der Schwelle von Leben und Tod

Sich aufzumachen, erscheint anfangs oftmals mühsam, weil es Anstrengung verlangt, Verausgabung, weil es Gefahr bedeutet. Und dann finden wir anfangs ganz viele 'objektive' Gründe, warum wir dem Ruf nicht folgen sollten oder müssen. Die Seele strampelt, weil sie den Reifesprung nicht so ohne weiteres wagt. Denn der Einsatz, der im Fall echter Reifungsprozesse gespielt werden muss, ist im Grunde die Bereitschaft zu sterben - zumindest einen kleinen Tod. Jede Persönlichkeitsentwicklung, die diesen Namen Wert ist, vollzieht sich immer an der gefühlten Schwelle von Leben und Tod. Anders werden wir nicht wesentlich.

Demostrierende Jugendliche bei  Friydays for future

Sterben heißt, wir müssen etwas in uns zurücklassen, ablösen. Die alte Person stirbt. Klingt viel dramatischer, als es in Wirklichkeit meistens ist. Wie viele kleine Tode sind wir nicht schon gestorben, immer wieder. 

Drachen töten

Bei Greta war dieser Ruf ein Bericht über den Klimawandel, der sie ganz offensichtlich bis ins Mark getroffen hat. Und sie hat dann mit ihrem eigenwilligen und unbeirrbaren Schulstreik wirklich etwas riskiert. In klassischen Heldengeschichten ist es ein Drachen, sprich eine innere Angst, die es zu besiegen gilt. Genau das aber ruft die besten uns zur Verfügung stehenden Kräfte auf. Wir müssen Klippen umschiffen, Gefahren meistern, unbekannte Wege zurücklegen, um am Ende den Drachen zu töten. Solche Heldenreisen bringen uns auf den Punkt - und dann sind wir gewandelt - irgendwie. 

Insofern hat der Widerstand, der Greta und die gesamte Fridays for future Bewegung begegnet, sein Gutes. Was müssen sie sich nicht alles anhören: Schulschwänzer, illegal, aufmüpfige Gören usw. Aber ohne diesen Gegenwind könnte sich nichts formen. Zu viel Umarmung erdrückt. Oder wie sagte einst Adenauer: Machen Sie sich erst einmal unbeliebt, dann nimmt man sie auch ernst. 

Jede Arbeit am Tonfeld ist eine kleine Heldenreise - im Labormaßstab. Was objektiv geleistet wird, ist nicht so wichtig. Wichtig ist der seelische Durchgang. Sich zeigen müssen (und sei es nur sich selbst), neue Arten der Beziehungsaufnahme riskieren, die eigentlich unter innerer Hemmung stehen, Ängste besiegen, und seien sie noch so unscheinbar. Wandel ist oft wie Zwiebel schälen - Schicht für Schicht. 

Die Kinder, die für Fridays for future auf die Straße gehen und wirklich dabei etwas riskieren, bilden sich (ganz wörtlich) auf der Straße weit mehr als auf der Schulbank. Denn hier stellt tatsächlich das Leben die Fragen, nicht ein Lehrer. 

Was haben die Hände mit der Seele zu tun?

Der berühmte Arzt und Begründer der modernen Medizin, Rudolph Virchow, hatte die Seele irgendwo im Organismus gesucht. Viel hat er herumoperiert, sie aber nicht gefunden (vermutlich wusste er auch nicht so genau, wie sie aussehen sollte). Die Frage freilich bleibt: Wo eigentlich ist der Sitz der Seele? Im Bauch, im Herzen, im Hirn? Oder ganz anderswo? Darüber zu spekulieren ist müßig. Eher wäre zu fragen, worin sich das Seelische am stärksten zeigt und ausdrückt. Und da spielen die Hände in der ersten Liga. Denn die Hände sind nicht nur ein Tastinstrument, sondern ein Beziehungsorgan. DAS Beziehungsorgan! Und sie sind das Organ, mit dem wir uns als Mensch am unmittelbarsten 'äußern', also unser Inneres nach außen tragen in die reale Welt. 

Arbeit am Tonfeld - Persönlichkeitsentwicklung mit den Händen

Der Mensch – ein homo hapticus

Evolutionsbiologisch heißt der Mensch homo sapiens (in der ganz exakten Sprechweise sogar gleich doppelt, also homo sapiens sapiens. Sonst weiß man es vielleicht nicht so genau). Schauen wir uns den Zustand an, in den diese Gattung unseren Planeten gebracht hat, dann klingt diese Gattungsbezeichung so ähnlich wie die Steigerungsform: Gescheit, gescheiter, gescheitert. 

Aber das denken und weise sein ist gar nicht das, was dem Menschen am meisten in die Wiege gelegt ist. In Wirklichkeit ist der Mensch ein Homo hapticus, ein Handelnder, ein Gestaltender. Das reflexive Bewusstsein, auf das wir als Mensch so stolz sind, ist nur ein Nebenprodukt unserer Handlungs- und Gestaltungsfähigkeit. Ohne die Freistellung unserer Hände und ihre Umwandlung zu echten Greifwerkzeugen (d.h. den Daumen in Opposition zu den Fingern gestellt) hätten wir kein Bewusstsein. 

Zwei Beobachtungen

Das ist weit mehr als nur eine kühne Behauptung, denn der Zusammenhang lässt sich leicht nachvollziehen. Da ist als erstes die Beobachtung, dass Menschen die einzigen Lebewesen sind, die Hände als Greifwerkzeuge haben, und auch die einzigen, die ein reflexives Bewusstsein haben. 

Zum anderen kann jeder an sich selbst feststellen, dass die Arbeit mit den Händen uns in aller Regel viel mehr erfüllt und glücklicher macht als reine Kopfarbeit. Gut, Toilettenputzen vielleicht nicht, aber gestalterische Arbeit mit den Händen. Die mag mitunter auch anstrengend sein, aber in solchem Zusammenhang bereitet sogar die Anstrengung Freude. Fast immer hinterlässt sie ein wohliges Gefühl von 'etwas geschafft zu haben', vielleicht auch, sich gestärkt zu haben oder Geschick erlangt zu haben. Bei geistiger Arbeit erfreuen wir uns an Einsichten und Erkenntnisse, die ebenfalls tief beglücken können. Nur sind sie deutlich leibferner und weniger unmittelbar (wie drückte es nicht einst Heinz Erhardt aus: 

Von Dürers Meisterhand ein Stich
betrachtet wirkt mehr äußerlich. 
Hingegen dringt, wenn sie verzeih'n,
ein Mückenstich weit tiefer ein.
Man sieht daraus, dass ein Insekt
noch mehr kann als der Intellekt. )

Der haptische Sinn als Basissinn

Letztendlich ist der haptische Sinn, also der Hand-Sinn, der Basissinn schlechthin. An keiner anderen Stelle des Körpers sind die Sensorzellen so dicht versammelt wie in den Händen (Platz 2 belegen die Lippen). Das macht, dass wir uns ganz und gar in unseren Händen versammeln, also selbstvergessen in unserem Tun und Berühren aufgehen können. Wir können gewissermaßen 'ganz Hand' werden.

Alle Berührung vollziehen wir vornehmlich mit den Händen, und Berührung ist für unsere Selbstorganisation letztlich sogar lebenswichtig. Säuglinge, die nur sehr, sehr wenig Berührung erfahren, sterben sogar (an sog. Hospitalismus). Und Erwachsene oder Paare, die sich oft berühren, leben glücklicher und verbundener als jene, die sich nur sehr selten berühren. Es fehlt dann ein Stück Seins-Vergewisserung. Und das kann einsam machen. 

Vergleichen wir uns mit Tieren, dann erkennen wir direkt den Unterschied. Schwer vorstellbar, dass ein Tier 'ganz Pfote' sei. Bei uns aber organisiert sich vor allem auch all das Intuitive und ein Großteil unseres Gefühlslebens, d.h. die ganze Bedeutungsgebung, wie wir Dinge auffassen, wie wir uns als wirkmächtig erfahren usw. über die Hände. 

Die Seele berühren statt psychologisieren

Nun ist mit der Seele mehr gemeint als nur unser Gefühlsleben, und mehr auch als unsere Psyche. Mit Seele meinen wir unsere ganze Art zu sein. Und dieses Sein drückt sich aus in der Wahrnehmung und der Bewegung, am prägnantesten also in unserem Handeln. 

Vor diesem Hintergrund ist es geradezu erstaunlich, dass die Psychologie bis heute noch nicht die Bedeutung der Hände als Ausdrucks- und(Selbst)Gestaltungsorgan der Seele erkannt hat. Die Arbeit am Tonfeld leistet da echte Pionierarbeit. Der Grund für diesen blinden Fleck liegt vermutlich darin, dass sich die Sprache der Hände nicht in gleicher Weise aufschreiben, objektivieren und diskutieren lässt wie die verbale Sprache. Aber im seelischen Ausdruck ist sie ungleich klarer. 

Das Tonfeld ist eine Art Klärungsapparat für die Sprache der Hände. In der Psychologie leiht der Therapeut dem Klienten ein Ohr. Der Klient hat dann gewissermaßen 3 Stück davon und kann sich mit diesem dritten Ohr - durch den Therapeuten hindurch - selber noch mal anders hören und verstehen. Das Tonfeld in Verbindung mit dem Begleiter ist für die Sprache der Hände dasselbe wie jenes dritte Ohr des Therapeuten, bloß dass wir uns nun ungefiltert über den kontrollierenden Verstand ausdrücken, ganz unmittelbar. In den Händen erscheinen wir uns ein zweites mal. Nur aus diesem Grund können nur deshalb Abstand gewinnen zu uns selbst bzw. und sind deshalb - anders als jedes Tier - zur Selbsterkenntnis fähig. 

Unsere Art, Dinge zu begreifen, formt sich im Greifen

Viele, die zum ersten mal von der Arbeit am Tonfeld hören, können sich kaum vorstellen, wie so ein bisschen Herumgeknete im Ton eine seelische Auswirkung haben soll. Tatsächlich aber müsste eigentlich genau anders herum gefragt werden, warum Gesprächen so viel seelisches Veränderungspotenzial zugestanden wird, obwohl Wort doch viel leibferner sind als alles Tun und Handeln, und der gesamte Bereich der Bewegung und des Eigenimpulses ausgespart bleibt. 

Am Tonfeld werden Beziehungserfahrungen verhandelt, also das ganze Feld zwischen Wahrnehmung und Bewegung, zwischen Rezeption und Aktion. In dem Maße, wie wir hier mitmenschlich anders angesprochen werden, als es uns im Leben widerfahren ist, überschreiben wir alte Prägungen und Körpererfahrungen. Das Körpergedächtnis organisiert sich um und damit unsere ganze Art, sich Dingen hinzuwenden, in Beziehung zu gehen, sich zu öffnen, zu zeigen usw. Wandelt sich der Ausdruck in den Händen, so wandelt sich der ganze Mensch. Darin liegt das wandelnde Moment in der Arbeit am Tonfeld.

Entwicklung – eine menschliche Notwendigkeit

Entwicklung - eine menschliche Notwendigkeit

Entwicklung, so glauben wir oft, sei vor allem im Kinder- und Jugendalter angesiedelt und werde mit zunehmendem Alter immer unbedeutender. Von der Tendenz her mag es stimmen. Aber unser gesamtes Erleben von Vitalität, Wachheit, seelischer Präsenz gründet auf Entwicklung. Wenn wir in unserer Entwicklung stagnieren, stumpfen wir ab. Stillstand ist Rückschritt.

Bei Tieren ist das anders. Die entwickeln sich nur die ersten ein bis zwei Jahre, danach ist weitgehend Schluss. Sie können paar Tricks dazu lernen, aber dass sie sich in ihrer 'Persönlichkeit' weiter entwickeln würden - eher Pustekuchen. Mal ganz abgesehen davon, dass der Begriff Persönlichkeit vorrangig für den Menschen reserviert ist. Die Persönlichkeit von Tieren ist weitestgehend durch die Art festgelegt. 

Unser Hund kann stundenlang im Körbchen liegen, jeden Tag und mit zunehmendem Alter auch zunehmend mehr - ... und es stört ihn nichts. Er scheint auch nichts zu vermissen. Wenn Menschen den ganzen Tag herumlungern, verwahrlosen sie. Ohne Aufgabe, ohne sinnvolle Einbindung, ohne Wirksamkeitserfahrung im Handeln gehen wir ... vor die Hunde.

Entwicklung und Anstrengung

Irgendetwas sehr Besonderes ist in der Evolution passiert, dass der Mensch aus dem Tierreich herausgefallen und nun auf einmal auf Entwicklung angelegt ist. Darüber haben schon die Bibelschreiber gestöhnt. Die Erzählung von Arbeit und Eva soll ja irgendwie erklärbar machen, warum der Mensch - anders als das Tier - im Schweiße seines Angesichts nun sein Brot (oder seine Gazelle) verdienen bzw. verspeisen soll. Der paradisische Zustand, sich in der Sonne zu räkeln und sonst nicht viel tun zu müssen, existiert so für den Menschen nicht. 

Entwicklung verlangt Anstrengung

Anstrengung als Entwicklungsforderung

In der Diskussion über das bedingungslose Grundeinkommen taucht immer wieder die Frage auf, ob die Leute sich dann nicht nur noch auf die faule Haut legen - es müsste nicht mal die eigene sein. Das Schreckensbild ist der Hartz IV Empfänger, der mehr bekommt als der schwer Arbeitende und sich ein in aller Geruhsamkeit ein schönes Leben macht. 

Der Haken dabei ist, dass das 'schöne Leben' sich nur ergibt aus dem Wechselbad von Anstrengung und Entspannung, von Wirksamkeitserfahrung und der Feier (dem Feier-Abend). Nur feiern - ... geht nicht. Das mündet früher oder später in Leerlauf. Eine Kalenderweisheit verkündet daher sehr treffend: Urlaub ist nur dann Erholung, wenn man Hals über Kopf in Arbeit steckt. Ein bedingungsloses Grundeinkommen, um es noch mal aufzugreifen, führt also keineswegs zu Faulheit - allenfalls kurzfristig. 

Entwicklungsdrang und Bewusstsein

Das alles hat natürlich sehr direkt etwas mit unsere Bewusstseinsfähigkeit zu tun. Auch das wussten die Bibelschreiber, denn Adam und Eva naschen nicht von irgendeinem Baum, sondern vom Baum der Erkenntnis. Sie werden fähig, sich selbst zum Gegenstand der Betrachtung zu machen, und nur dadurch entdecken sie, dass sie nackt sind. So kommt die Scham in die Welt, die es im Tierreich ja auch nicht gibt. Und das Feigenblatt. 

Dieses Essen vom Baum der Erkenntnis hat ursächlich zu tun mit der Aufrichtung des Menschen, mit der Freistellung der Hände und ihrer Umbildung zu Greifwerkzeugen. Statt nur mit der Schnauze die Welt in Erfahrung zu bringen, haben wir nun zwei Pole. Unser Gesicht als das ursprüngliche Daseinszentrum mit seinen oberen Sinnen und unsere Hände.  (wenn sich ein Tier mit der Schnauze irgendwo hinwendet ist es dort ganz und gar). Diese Doppelung unserer Daseinsempfindung ermöglicht, dass wir zur Selbst-Erkenntnis prinzipiell fähig werden (manche freilich nicht, man schaue sich nur bestimmte Politiker an), und es macht auch, dass wir eine Art Selbst-Verhältnis haben, nämlich jenes zwischen 'Selbst' und 'Ich'.

Entwicklung vom Selbst zum Ich. 

Das 'Selbst' meint unser Sein, so wie wir spontan und ungefiltert sind: traurig, fröhlich, wütend, phlegmatisch usw. Darüber verfügen wir nicht. Das Selbst ist unserem bewussten Zugriff entzogen. Es ist unser Wesenskern.

Ganz anders das Ich. Das ist diejenige Instanz in uns, die sagt: Ich will, ich tue, ich mache. Das Ich bestimmt. Etwas vorschnell sprechen wir von Selbstbestimmtheit, wenn das Ich das Zepter schwingt, ohne freilich zu fragen, aus welcher Quelle dieses Ich eigentlich schöpft, um ein Wollen hervorzubringen.

Tatsächlich kann das Ich von allerlei Prägungen überformt sein - Erziehung, Kultur, Glaubenssätze, Normalitätsvorstellungen etc. Längst nicht immer ist das Ich von den vitalen Bedürfnissen des Selbst geleitet, so dass die vermeintliche Selbst-Bestimmtheit sich manchmal nur trotzig gegen etwas wehrt, so dass es gar nicht aus sich heraus handelt, sondern aus Widerstand gegenüber etwas anderem (das oder der Andere diktiert dann genau genommen das Handeln). 

Wenn wir uns aber selbst-verständlich werden wollen, dann müssen Selbst und Ich zusammenfinden, immer wieder, sich immer neu einpendeln. Einmal eingependelt reicht nicht, denn dann spüren wir keinen Unterschied mehr, spüren uns also nicht in unserem Selbst-Erleben. Wer seine Hand auf irgendeine Fläche legt, spürt im Augenblick des Auflegens die Beschaffenheit der Oberfläche. Wenn die Hand aber eine Weile vollkommen ruhig abgelegt ist, verschwindet die Beschaffenheit der Oberfläche aus der Wahrnehmung (meist vollziehen wir, wenn wir uns testen wollen, minimalste Bewegungen, die dann doch noch eine Wahrnehmung von der Rauigkeit der Oberfläche erlauben - aber das ist ein bisschen Selbstbetrug). 

Nur wer sich ändert, bleibt sich treu

Dieses Selbstverhältnis ist es, was uns zur Entwicklung auffordert. Ständig. Lebenslang. Die Politik spricht von lebenslangem Lernen, was nach ziemlich viel Arbeit klingt. Aber wir wollen gar nicht nur lernen, wir wollen uns selbst begreiflich werden, Selbst-vertraut. Alles, was wir uns vertraut gemacht haben, verblasst in der Wahrnehmung (oder in der Routine), und also bleibt uns nur der stete Wandel, um uns in unserer Lebendigkeit zu erleben, um vital zu bleiben. 

Goethe hatte das glasklar erkannt. In seinem Meisterwerk Faust stellt er genau diese Wandlungsfrage ins Zentrum des ganzen Dramas: 

Faust:
"Werd' ich zum Augenblicke sagen,
verweile doch, Du bist so schön,
dann sollst Du mich in Stücke schlagen, 
dann werd' ich gern zugrunde gehn...."

Faust ist im Grunde die Verkörperung des menschlichen Entwicklungsdranges. Wer in seinem Entwicklungsstreben nachlässt, wer glaubt, endlich so etwas wie das Ziel all seines Strebens erreicht zu haben, der stirbt innerlich. Faust stirbt ja tatsächlich auch irgendwann, als er genau diesen Satz spricht, dass er nun den Höhepunkt seines Lebens erreicht habe und nun der Augenblick ewig währen dürfe. Aber er verfällt nicht dem Teufel, denn... 

"Gerettet ist das edle Glied
Der Geisterwelt vom Bösen,
Wer immer strebend sich bemüht,
Den können wir erlösen."

nachzulesen in der Tragödie zweitem Teil in Kapitel 63

Ähnliches stellte Bertold Brecht fest in seinem Gedicht vom Radwechsel: 

Ich sitze am Straßenrand,
der Fahrer wechselt das Rad.
Ich bin nicht gern, wo ich herkomme,
ich bin nicht gern, wo ich hingehe. 
Warum sehe ich den Radwechsel
mit Ungeduld?

Auch in ihm rumort ein Lebensbedürfnis, das nach Ausdruck verlangt, ein noch ungeklärtes, zu klärendes Bedürfnis. 

Brecht kannte natürlich noch nicht die Arbeit am Tonfeld. Denn da geht es genau um diesen Klärungsprozess, um dieses tiefste menschliche Bedürfnis, sich klar zu werden in seinem Selbst-Verhältnis, um die Frage: Wer bin ich.  

Wenn man so will, ist die Arbeit am Tonfeld eine Methode, die es schafft, uns wieder mit unserem unverbildeten Lebensbedürfnis zu verbinden, Selbst und Ich quasi miteinander zu verheiraten. Oder anders ausgedrückt: Uns dem Paradies, der Unschuld des Handeln, wieder ein kleines Stück näher zu bringen (das strategische, abgetrennte Handeln wird ja als Urschuld begriffen - was ich früher nie verstanden hatte. Sünde leitet sich übrigens ab von Sund wie es die Nordlichter noch kennen vom z.B. Fehmarn-Sund, Öre-Sund usw.. Das ist eine Abtrennung). 

Die Entwicklung zur Eigen-Art

Tiere sind von dieser Schwierigkeit entbunden, weil sie gebunden sind in ihren Instinkten. Sie sind nicht frei wie der Mensch, der etwas tun kann, was nicht auf der unmittelbaren Linie seiner Lebensbedürfnisse liegt. Er kann sich aus dieser Unmittelbarkeit jederzeit herausnehmen. Tiere können das nicht. Deshalb entwickeln sich Tiere 'personal' auch nicht weiter, entwickeln kein Selbst-Verhältnis. Die Entwicklung geschieht eher in der Art. 

Beim Menschen hat die Evolution einen Sprung gemacht und den Entwicklungsprozess einer gesamten Art quasi in einem Individuum zusammengefasst. Menschen 'arten'. Das macht uns dummerweise oft einsam, weil es so schwierig ist, einen Seelenverwandten von gleicher Art zu finden. Wir sind darauf angewiesen und angelegt, uns mit all den anderen Menschen abzugleichen, um uns in unserer Eigen-Art zu begreifen. Und das liebste Spiel ist deshalb, uns gegenseitig zu vergewissern: Fühlst du so, wie ich fühle? Unser unglaublicher Gefühlsreichtum entspringt eben auch derselben ursprünglichen Quelle. 

 


ADS und ADHS aus Tonfeld-Perspektive

Ans Tonfeld kommen vielfach Kinder mit Aufmerksamkeitsstörungen (ADS), häufig einhergehend mit Hyperaktivität (ADHS). Beide Syndrome sind, trotz der ähnlichen Namensgebung, grundverschieden und verlangen andere Formen der Ansprache an das Kind.

ADS-Kinder sind oft Tagträumer. Ihre Aufmerksamkeitssystem ist nicht wirklich wach. Das Interesse hakt sich nirgends wirklich fest, es gibt zu wenig lebendige Fantasie. Vieles ist ihnen gleich-gültig, weil es sie als Person irgendwie nichts angeht. Die Geschehnisse gleiten an ihnen vorbei wie die Bilder bei einer Zugfahrt. Alles bleibt äußerlich, es rührt sie nichts an. Wenn sie etwas erzählen, wirkt es auf den Zuhörenden entweder langweilig oder ermüdend, eben weil die Seele des Kindes darin nicht erkennbar wird.

Bedeutung entsteht, wenn man in irgendeiner Weise berührt ist von dem, womit man Umgang hat. Bei ADS-Kindern erscheint der Hautsinn, über den sich Berührung vermittelt, oft unbelebt. Teils können hier organische Mangelzustände wie Eisenmangel, Schlafmangel o.ä. mit hineinspielen. Oft aber liegen die Ursachen eher im Beziehungsgeschehen mit der Welt, in der Art, wie Berührung erfahren wurde und wird, ob sie genussvoll wahrgenommen wird oder eben nicht, ob Berührung vielleicht sogar eher gemieden wird etc. Wenn die Kinder den Ton berühren, sparen sie außerdem häufig die Innenhandflächen aus. Die Aufmerksamkeit wabert dann etwas wahllos umher, im Grunde von der Hoffnung getrieben, irgendwo seelische Resonanz zu finden, dass also wirklich etwas das Seelenleben anrührt, was es dann meistens aber nicht tut. Ermahnungen, sich mehr zu konzentrieren oder sie intensiv bei den Hausaufgaben zu betreuen, wird ihnen zur Qual. Das Kognitive ist ohne seelischen Nährwert. Was sie am meisten brauchen, ist die Erfahrung von Inniglichkeit, von wirklichem Berührtsein. 

ADHS Kinder können aus anderen Gründen ihre Aufmerksamkeit nicht halten. Am Tonfeld zeigen sie sich fortgerissen von ihren Impulsen. Das Impulsleben eilt dem seelischen Erleben permanent voraus. Sie kommen nie bei sich an und können sich daher auch nicht seelisch nähren aus dem, was sie tun. Was sie greifen, kommt viel zu wenig in der Wahrnehmung an. Deshalb agieren sie oft maßlos und wahllos. Genussvolle, streichende, verbindende als auch parallele Bewegungen bleiben aus. Wenn sie etwas bauen, geschieht das in rastloser Eifrigkeit und in der Regel entstehen daraus nur Konstrukte, reine Kopfgeburten, die dann auch nicht halten. Sie halten nicht, weil die Kinder in sich selbst auch keinen Halt haben. Das zeigt sich auch in der Stabilität der Körperachse. Wirft man ihnen einen Tonklumpen zu, wackelt häufig das ganze Kind, lässt sich manchmal sogar fallen. 

Bei ADHS-Kindern hilft vor allem Verlangsamung: Verlangsamung in der Ansprache, Verlangsamung in den Bewegungen, wenn man dem Kind etwas anreicht, Verlangsamung im Hinwenden, im Zuwenden, einfach in allem. Im Alltag lässt sich der Zeitlupenmodus nur phasenweise durchhalten. Aber es genügen Inselmomente der bewussten Begegnung, Zuwendung und Achtsamkeit, um das Kind wenigstens für Momente, die mit der Zeit dann länger werden, in seine Präsenz zu bringen. Manchmal hilft es, wenn man bei der Ansprach auf Augenhöhe geht, das Kind liebevoll und haltgebend an beiden Schultern anfasst und so ein bisschen Achsenstabilität konkret vermittelt. Am besten wartet man, bis das Kind wirklich gerade gegenüber steht und nicht wackelt, sich aber auch nicht künstlich gerade hält, sondern natürlich, von innen aufgerichtet. Und dann ist es auch gut, es relativ leise anzusprechen, vielleicht bisschen geheimnisvoll im Unterton, manchmal fast flüsternd, dass es in Lauschen kommt und sich auch darüber verlangsamt. Wenn es Fragen stellt, die nichts mit seinem seelischen Erleben zu tun haben, verweise man das Kind an sich selbst zurück: Was denkst Du denn dazu, was schätzt Du? Es sucht nicht wirklich Antworten auf seine vielen Fragen, es sucht Beziehung – zum Anderen, zu den Dingen, zu sich selbst. Schätzen-lassen ist überhaupt eine gute Idee, weil es die Gefühlsbildung anregt und innere Bilder aufruft. ‘Leere Bilder’ ohne inneren Bezug zum Kind, also Fernsehen, Computerspiele u.ä., sind Gift für ADHS-Kinder. Gut tut ihnen, mit Vater in die Welt ziehen und (scheinbar) gefährliche Dinge zu tun, Dinge, die das Kind anrühren, wo es aufwachen muss zu sich selbst. Gut tut ihnen auch alles, was die Tiefensensibilität aufruft und ihren ganzen leiblichen Einsatz fordert. Gut ist der Umgang mit Erde (Gartenarbeit), gut sind alle parallelen und rhythmischen Bewegungen und alles, was die Körperachse stabilisiert (Gleichgewichtsübungen). Und schließlich tut ihnen, Halt zu finden, etwa durch sehr klare Regeln, kleine Rituale, aufgeräumtes Kinderzimmer u.ä.

Für die Tonfeld-Arbeit ist eine genaue Diagnose ohne Belang. ADS bzw. ADHS sind lediglich Etiketten, die das Kind pathologisieren. Entscheidend ist, dass Wege eröffnet werden, wie es da herauswachsen kann, wie es sich in den Sinnen organisieren und die Seele zum Klingen bringen kann. Dazu müssen Nervenstrukturen und Hirnstrukturen umgebaut werden. Das braucht Zeit, aber es geht. 

Aggression

Aggression, abgeleitet aus lat. ag gredi heißt im eigentlichen Wortsinn heran schreiten, angreifen. Heutzutage wird darunter in aller Regel eine angriffsbereite, feindselige Stimmung verstanden. Von daher wird Aggression fast immer negativ aufgefasst.

Wenn wir aber im Leben etwas in die Tat umsetzen wollen, eine spontane Idee, einen Plan, und uns nicht nur in harmlosem Klein-Klein verkleckern wollen, brauchen wir auch ein beherztes Heranschreiten, um die Sache eben ‚in Angriff’ zu nehmen. Hier ist der gleiche Handlungsbereitschaft am Werke, aber ins Positive und Gestalterische gewendet, nicht in die (vermeintliche) Verteidigung des eigenen Selbst, das sich ja bei feindlicher Aggression immer gefährdet fühlt.

Aggression als Organisation von Handlungsbereitschaft

Aus Sicht der Arbeit am Tonfeld lässt sich Aggression zurückführen auf die Organisation von Handlungsbereitschaft. Man könnte denken, handeln tut jeder irgendwie und zwangsläufig, schaut man die Menschen aber am Tonfeld an, dann gibt es viele, die nicht eingreifen können. Manchmal wiegt sich der Oberkörper mit der Bewegung der Hände mit, es kommt dann eine leicht schwelgerische und harmonierliche Note hinein und es wird erklärt, dass die Fläche so schön sei, so schön glatt, dass überhaupt kein Anlass und auch keine Lust bestünde, dort irgendwie hinein zu greifen. Tatsächlich steckt dahinter fast immer eine biographisch erworbene Verhinderung, eine Scham, ein verinnerlichtes Tabu, kurz: eine gebremste Aggression. Nicht selten haben diese Menschen, wenn sie in fortgeschrittenem Alter sind, mit chronischen Erkrankungen zu tun, die sich meist als Ausdruck einer nun nach innen gerichteten Aggression verstehen lassen.

Vergleichen lässt sich das mit der Nahrungsaufnahme. Nahrung muss gepflückt, vielleicht geschält, zugänglich gemacht werden, und dann auch zerkleinert, gekaut und schließlich verdaut werden. Das Vorgefundene wird also ergriffen, letztlich zerstört und in dieser Zerstörung zueigen gemacht, dem eigenen Organismus anverwandelt, so dass er daraus Energie beziehen und wachsen kann. Es handelt sich hier um eine schöpferische Zerstörung (der Begriff entstammt ursprünglich der Wirtschaftsforschung).

Sich formen an widerständiger Erfahrung

Für das personale, seelische Wachstum gilt genau dieselbe ‚Grammatik’ wie für das physische Wachstum. Wir bilden uns (als Person) in unserer verwandelnden Tätigkeit an der Welt, d.h. in unserem Handeln. Dazu müssen wir die Dinge, die wir vorfinden, uns irgendwie zueigen machen, den Dingen ein bisschen unseren Stempel verpassen, ein Stückchen unserer Seele dort hineinweben. Und das geht nur, wenn wir sie aufgreifen und verwandeln, d.h. ihre ursprüngliche Form zerstören und Neues in unserem Sinne zu gestalten. Die Auseinandersetzung mit dem Material (was sowohl ein rein physisches Material, aber auch ein geistiges oder soziales Material sein kann, z.B. die Begleitung oder Führung von Menschen) bildet den Menschen wie Kraft und Gegenkraft. Fehlt die Gegenkraft, die Widerständigkeit des Materials, so fällt der Mensch in ins (seelisch) Leere und verwahrlost mehr oder weniger. Verwöhnte Kinder, unverdient reiche Erben, Arbeitslose usw. sind Beispiele dafür. Die Widerständigkeit lenkt die Aggression und formt die eigene innere Organisation. Im guten – und eigentlich normalen – Fall erwächst daraus ein gesundes Kompetenzempfinden, innere Ausrichtung, auch Ethik und Willensstärke.

Sind die Widerstände zu schwach oder zu stark, resultiert daraus beide male eine gewisse Handlungsohnmacht. Der Prozess der personalen Entwicklung, und hier an erster Stelle die Organisation der inneren Handlungsbereitschaften, gewinnt keine klaren Konturen, keine Berechenbarkeit, keine wirkliche Ausrichtung. Sie zerfleddert, was dann zu Leerlaufhandlungen oder Ersatzhandlungen im Sinne einer zerstörerischen Aggression führt.

Zerstörerische Aggression – Behauptung der Eigenheit

Die zerstörerische Aggression ist das schärfste Mittel, um in der sozialen Welt einen Unterschied zu machen, um bemerkt zu werden, um sein Da-Sein und die eigene Wertigkeit zu behaupten. Der Aggressive kann nicht schadlos ignoriert werden. Zwar richtet sich dann die Aggression nach außen, das dahinterliegende eigentliche Lebensbedürfnis ist aber im Kern jedes Mal das gleiche, nämlich das Grundbedürfnis des Menschen, sich selbst zuzukommen (Sich-zukommen ist freilich ein schwer verständliches Wort, aber es trifft genau den Punkt. Es geht um das er-lebte Bewusstsein, Selbst sein zu können). Läuft dieser Organisationsprozess der Handlungsbereitschaft über einen langen Zeitraum schief, schleifen sich die Leerlaufmuster und Affektausbrüche in tiefere Hirnschichten zu quasi automatisierten Reaktionen ein, die dann nur sehr schwer oder nur unter sehr günstigen Bedingungen wieder in einen gesunden Ausgleich gebracht werden können.

Wann Loben schädlich ist

Loben wird gemeinhin immer als positiv und insbesondere in der Kindererziehung als wichtiger Erziehungsfaktor angesehen. In dieser Allgemeinheit ist das aber nicht richtig. Es gibt ein spontanes Lob, das unvermittelt von Herzen kommt, und ein pädagogisch-funktionales Lob, welches in bestimmten Situationen großen Schaden in der gesamten Motivationsstruktur anrichten kann. Es ist wichtig, diese beiden Arten von Lob unterscheiden zu können.

Lob ist dann gut, wenn das Kind – oder auch ein Erwachsener – von den Eltern (oder vom Chef) beauftragt wurde, etwas ganz Bestimmtes zu tun in einer vorgegebenen Weise. Letztlich geht es also um die Erledigung einer Auftragsarbeit. Wenn die Arbeit gut gemacht ist, drückt ein Lob Anerkennung aus und wird auch vom Ausführenden erwartet oder erhofft. An dieser Stelle ist Lob, selbst wenn es ein klein wenig überzogen ist, angebracht und motivationsfördernd.

Ganz anders sieht es aus mit Lob für Tätigkeiten, die ein Kind (oder ein Erwachsener) aus spontanem Antrieb macht und worin es/er sich selbst zum Ausdruck bringt – z.B. ein Bild malen, etwas bestimmtes vorführen, etwas mit Hingabe und Herzblut machen usw. Solche Tätigkeiten sind im Grunde nicht lobbar, weil es hier die Kategorien gut und schlecht nicht gibt. Hier zeigt sich die Person, selbstvergessen, wie sie ist. Ein Lob würde dieses Selbstvergessene und die ‘heilige Unschuld’ darin zerstören, weil es eine Wertung hinein bringt. Dies ist gut, anderes wäre nicht so gut. Aber Selbstvergessenes agiert jenseits von gut und schlecht. Im versunkenen Tun geht es nur darin, sich selbst irgendwie ‘auszusprechen’.

Beim Lob gibt es immer eine Hierarchie. Man käme selber nicht auf die Idee, den eigenen Chef zu loben: “Gut gemacht, Chef, weiter so, da wird aus Ihnen noch mal richtig was”. Es steht einem nicht zu.

Auf seelischer Ebene gibt es eine solche Hierarchie nicht. Da möchten Menschen mitmenschlich nur verstanden werden, nicht mehr und vor allem nicht weniger. Wenn Kinder in Tätigkeiten ihres Selbstausdrucks gelobt werden, führt das dazu, dass sie künftig ihr Verhalten mehr an den Elternerwartungen ausrichten und bestimmte Tätigkeiten nur aus Gründen billigen Lobes tun (siehe hierzu auch das ZEIT-Interview mit Jesper Juul). Das verleitet sie zur Künstlichkeit, weil sie dann etwas unbewusst berechend und absichtsvoll tun, und das Absichtsvolle ist niemals der eigene Selbstausdruck.

Unseren Selbstausdruck können wir nicht kennen. Denn alles Kennen findet im Bewusstsein statt, und das ist vergleichsweise langsam; unser Selbstausdruck liegt immer vor dem Bewusstseinsakt des (Er)Kennens. Er entsteht aus quasi aus dem Nichts, ursachefrei. Die Ur-Sache sind wir selbst. Und nur, wenn wir uns ursachefrei äußern können (äußern = das Innere nach außen kehren), können wir selbst-vertraut werden und uns selbst verständlich werden. 

Ich will dazu ein Beispiel bringen aus eigener Erfahrung. Als ich als etwa 10Jähriger mittags aus der Schule kam, war meine Mutter meistens zuhause und hatte das Essen fertig auf dem Tisch. An zwei Tagen in der Woche kam sie aber erst eine Stunde später von der Arbeit. Sie hatte unser Essen zwar schon vorbereitet, so dass mein älterer Bruder und ich es nur noch warm machen mussten, aber danach gab es dann keine automatische Tellerentsorgung und keinen Abwasch durch unsere Mutter. Das mussten wir an diesen Tagen selbst machen. Da begann dann immer Streit, wer welche Arbeit zu tun hat. Abtrocknen war begehrter als abwaschen. Oft ließen wir das Geschirr sogar ungewaschen stehen oder machten nur das Allernötigste.

Einmal aber war ich allein zuhause, und irgendwie überkam mich die Idee, meine Mutter zu überraschen und ihr eine picobello geputzte Küche zu hinterlassen. Ich wollte, dass ihr vor Freude und Staunen die Augen herausfallen. Und so sah die Küche am Ende tatsächlich aus, so glänzend, dass man sie eigentlich nur noch mit Sonnenbrille betreten konnte.

Ich verzog mich auf mein Zimmer, um nur nicht zugegen zu sein, wenn sie kam. Als sie dann kam und die Küche sah, stieß sie einen spontanen Laut der Freude und Überraschung aus. Das hatte mich mich total gefreut – in meinem Zimmerchen. Dann kam sie zu mir, und lobte mich ausführlich dafür. Doppelt und dreifach. Das war ein Riesenfehler. Es war ein pädagogisches Lob, das konnte ich riechen. Die Botschaft war, ich bestärke Dich jetzt mal ohne Ende, damit Du das öfter tust.

Dieses ‘damit’ war das reinste Gift. Ich fühlte mich wie gekauft –  mit dem Ergebnis, dass ich eine solche Aktion nie wieder getan habe.

Hätte sie das viel beiläufiger noch später mal angemerkt: Du Scheißerchen, manchmal bist Du echt süß… oder so ähnlich, ich hätte meine größte Freude daran gehabt und ich hätte es bestimmt noch öfter getan. Aber nicht für so ein Lob. Die Freude oder Überraschung hätte beim nächsten mal schon ein bisschen den Charakter einer Erwartung bekommen, das Lob würde kleiner ausfallen, irgendwann wäre die Picobello-Küche Standard und eine Abweichung davon würde sogar dann getadelt. Geht gar nicht! Aber für eine tolle Beziehung und ihre schlichte Mitfreude hätte ich selbst irgendwann Freude an dieser sinnvollen Tätigkeit gefunden.

Im Reich des Spontanen hat Lob einfach nichts zu suchen (sei denn spontanes Lob, frei von allem Absichtsvollen). Es würde den natürlichen mitmenschlichen Beziehungsfluss rüde unterbrechen.

Motivation und Eigeninitiative erwächst aus ganz anderer Quelle. Der Mensch ist immer sein eigener Zweck (wie jede Blume letztendlich auch), und das zentrale Anliegen ist die Entwicklung der Eigenheit und sich darin verstehen und behaupten zu wollen. So braucht es vor allem widerständige Erfahrung, an der das Kind (innerlich) wachsen kann, etwas Gelingendes, was gegen Widerstände errungen wurde. Und darin muss das Kind gesehen werden, muss das Errungene bezeugt werden, aber weniger das äußere Errungene, sondern das innerlich Errungene. Wird auf das äußere Ergebnis geschaut und dieses gelobt, verflacht das Kind mit der Zeit. Es versucht dann vermehrt, gefällige Ergebnisse hervorzubringen, derweil es in der Entwicklung seiner Eigenheit leer ausgeht.

Am Tonfeld sind solche Kinder eine große Herausforderung. Tendenziell reagieren sie skeptisch, wenn nicht sogar allergisch auf Angebote, Ermunterungen, Einladungen, etwas bestimmtes zu tun. Hier lässt sich am besten mit Überraschungen arbeiten, mit Reaktionen, die die Kinder so nicht erwarten, vielleicht sogar einem gewissen Maß an Schroffheit (gepaart mit Humor), so dass die Gespenster der subtilen Vereinnahmung verschwinden können und trotzdem Beziehung und Resonanz entstehen kann. Und dann gewinnen diese Kinder ganz allmählich wieder Vertrauen in ihre Eigeninitiative, Zugang zu ihrer Lust und Motivation, ein Gefühl für positive, erfüllte Eigenheit, die sich nicht aus der Erwehrnis gegen andere definiert. 

Spiritualität, Lebens-Grund und Ethik

Spiritualität wie auch Religion, so schrieb es einmal der Schweizer Psychologe Carl Gustav Jung, sei “die älteste Ausdrucksform der menschlichen Seele”. Religionen oder vereinheitlichte spirituelle Bräuche findet man in allen Kulturen der Welt, die sich auch unabhängig voneinander entwickelt haben.

So verschieden die Ausgestaltung der Religionen der Welt auch sein mag, sie sind alle Hüllformen ein und desselben Lebensgrundes, eines gemeinsamen Grundes also, der alles Leben verbindet. Wir gehen recht selbstverständlich davon aus, dass die Gefühlsregungen von Tieren unseren eigenen entsprechen (Schmerz, Freude, Lust, Neugier …), so dass hier also tatsächlich etwas zu existieren scheint, was allen Lebewesen gemein ist (das gilt sogar auch für Pflanzen, nur dass sie mangels Bewegungsmöglichkeiten keine Emotionalität (von ex-motio abgeleitet) äußern können und auf sehr viel langsameren Zeitskalen ‘agieren’.

Erfahrbar wird dieser Lebensgrund in unserem Fühlen, und das Fühlen wird erfahrbar und ‘lesbar’ für uns selbst in unserem Gefühls-Ausdruck. Unter Hypnose kann man Schmerzen ‘wegsprechen’, etwas sehr Saures als süß empfinden lassen usw., so dass den Empfindungen also keinerlei Objektivität zukommt und sie überhaupt erst über den Ausdruck zu dem werden, was sie sind. Es gibt sicherlich starke Neigungen zu einer gewissen Einheitlichkeit. Aber z.B. Ekel ist in unterschiedlichen Kulturen sehr anders kodiert (z.B. Heuschrecken als Delikatesse empfinden), ähnliches gilt für Düfte. Von Indianern wird gesagt, sie kennten keinen Schmerz. Womöglich darf man auch das relativ wörtlich nehmen, dass Schmerz dort eine andere Wertigkeit hat und auch vom einzelnen Menschen – ähnlich wie dem unter Hypnose stehenden Menschen – anders empfunden wird.

Bewusst heranrühren können wir an diesen Lebensgrund allein im Wechselspiel von Wahrnehmung und Bewegung. Wir sind physisch bewegt, wir sind in Gedanken bewegt. Irgendetwas bewegt uns immer (was jeder weiß, der mal zu meditieren versucht hat), und wir wissen nichts über den Urquell unseres Bewegtseins. Wohl aber können wir aus ihm schöpfen und uns so als schöpferisch erfahren. Gleichzeitig können wir uns auch selbst in Beziehung zur Mitwelt schöpferisch gestalten (in unserer Eigen-Art hervorbringen).

Aus der Erfahrung des Lebensgrundes erwächst letztlich auch alle Ethik. Heute hat man oft Schwierigkeiten, zu beurteilen, was ethisch ist und was nicht. Die Kriterien sind meist sehr faktischer, wissenschaftlicher Natur und somit auch ziemlich hölzern und fleischlos. Ethik wirkt damit oft konstrukthaft, um so mehr, je kognitiver der Unterbau. (Man denke an die Diskussion über Stammzellen, künstliche Befruchtung etc., wo oft genetische Argumente ins Spiel gebracht werden, die von der Basis der Gefühls-Bildung gänzlich enthoben sind). Und so rudert man in Ethik-Diskussionen oft im Nebel, weil man nicht mehr weiß, worauf man sich verlässlich beziehen kann, wo man Halt finden kann und nicht ins bloße Meinen, Mutmaßen, kurz in die Beliebigkeit abrutscht.

Die Tonfeldarbeit zeigt – und beweist im Grunde – dass es die freie Beliebigkeit dann doch nicht gibt. Bei ihr geht es ja zentral um das Wechselspiel von Wahrnehmung und Bewegung, und die Gestaltungen, die sich dort ergeben, folgen immer(!) einem Sinnzusammenhang. Sie sind nie beliebig, erlauben bestimmte Vorhersagen oder Rekonstruktionen eine Folgerichtigkeit. Diese Folgerichtigkeit ist allerdings nur gegeben, wenn die Intention der Bewegung nicht aus der (kognitiven, vorgefertigten und letztlich nicht vorhersagbaren) Vorstellung kommt oder eben aus der Tiefe des Lebensbedürfnisses.

Letztendlich ist es erstaunlich einfach, an diesen Urquell heranzurühren, beispielsweise in diesem kleinen Tonkasten und dem besonderen Setting der Tonfeldarbeit. So banal der Aufbau auch ist, kann doch jeder daran zu solcher Grund-Erfahrung gelangen und dann merken, wie sich sein Wertegefüge wandelt, wie es eine andere Tiefendimension bekommt, wie das Konstrukthafte abfällt bzw. als konstrukthaft erkannt wird und wie anders die Erfahrung des Wesenhaften demgegenüber ist (Wesen meint das schiere Sein der Dinge und eben nicht nur die Erscheinungsform der Oberfläche. Schließlich ist es ja vom Verb ‘sein’ auch abgeleitet: sein – war -gewesen). 

Dieser Erfahrungsprozess des Lebensgrundes ist freilich nicht instrumentalisierbar und objektivierbar, nicht vom Subjekt, dem einzelnen Menschen, ablösbar. Letzteres ist allerdings der Anspruch der Ethik, nämlich eine Allgemeinverbindlichkeit herzustellen. Eine lebendige Ethik kann demnach nur so gestaltet sein, dass sie einen groben, allgemeinverbindlichen Orientierungsrahmen setzt und den Rest in Kulturarbeit leistet, indem eben eine gewisse Achtsamkeit für diesen Prozess von Wahrnehmung und Bewegung neu kultiviert wird (beim Leben in freier Natur stellt sich diese Achtsamkeit von selbst ein, wohingegen er in modernen Gesellschaften ins Ungefähre verschwimmt).

Selbstwertgefühl und Identität

Kritik mag kein Mensch wirklich gerne. Auch wenn vielfach betont wird, dass die Kritik sachlich, also nicht auf die Person bezogen, gemeint ist und überdies konstruktiv, fühlen sich die meisten trotzdem in ihrem Selbstwert angegriffen, als Person in Frage gestellt. Für den Kritisierenden mag die Kritik eine Bagatelle sein, der Kritikempfänger empfindet sie trotzdem oft – oder meist – als einen Stoß in die Seele. Genaugenommen gibt es keine wirklich gute Art, mit Kritik umzugehen. Um das eigene Getroffen-Sein abzufangen, gibt es bestimmte Techniken des Umgangs, sei es, dass man sofort auf eine reine Sachebene wechselt, etwa in dem Sinne, dass Menschen generell nicht fehlerfrei arbeiten und somit die eigene Person zur Allgemeinperson erklärt wird, zu der man eine gewisse Distanz und Außenperspektive einnehmen kann. Oder man gesteht einen Fehler mit einer bekennenden Geste rasch ein, spielt alles ein bisschen herunter und schaut, dass man zum nächsten Thema kommt. Oder man geht in Verteidigung, dass die Kritik so nicht gerechtfertigt ist oder oder oder. Ein wirklich gelassener Umgang mit Kritik – und nicht nur mit gespielter, abwiegelnder Gelassenheit – ist jedenfalls selten und eigentlich auch nicht erwünscht, weil man als Kritisierender ja auch explizit wünscht, dass sich der Kritisierte das ‘zu Herzen’ nimmt. Sachlich sein und zu Herzen nehmen, beides zusammen geht eigentlich nicht.

Kritik in oben erwähnter Weise einstecken oder ‘weg-stecken’, braucht ein einigermaßen stabiles Selbstwertgefühl, um danach nicht, oder zumindest nicht für lange, das Gefühl zu haben, nicht gut genug zu sein, nichts Wert zu sein, nicht tauglich zu sein für dieses Leben. Bei schwach ausgeprägtem authentischem (also nicht kognitiv zurechtgebasteltem) Selbstwertgefühl setzen genau diese letztgenannten Selbstbewertungen ein und die Person gerät in einen letztlich hypnotischen Zustand, was nichts anderes meint als einen Zustand fixierter Aufmerksamkeit und mehr oder weniger automatisiert aufgerufener Handlungsmuster. Manche Ehen gestalten sich darüber sehr schwierig, wenn für einen von beiden (oder für beide) das eigene Selbst vermientes Gelände ist. Man sieht es auch in der Politik, wenn da um einzelne Kommata gerungen wird, weil man eben ein unglaublich genaues Gehör für jeden Unterton, für jede Nuance der Formulierung entwickeln kann und daraus Stimmungen oder Gestimmtheiten herausliest. Man kann solche Meisterschaft des feinen Ohres als Fähigkeit bewundern, praktisch aber macht sie das Leben anstrengend und kompliziert. Eine gewisse Derbheit, wie sie insbesondere in einigen Dialekten gepflegt wird, kann da manchmal recht gesund sein, wenn sie nicht gerade in der Gefahr stehen würde, in zu grobe Vereinfachung oder gar Polemik zu verfallen. Wie aber spricht man mit einem Menschen, der wie das Kaninchen auf die Schlange schaut und unterschwellig jede Äußerung hoch aufmerksam auf mögliche kritische Äußerungen hinsichtlich seiner Person abscannt? Man fühlt sich dann nach kurzer Zeit genötigt, besonders vorsichtig zu formulieren, jedem winzigen Ansatz von Kritik gleich alle Möglichen Relativierungen bezufügen, was meist nur wenig hilft. Kritik wird immer viel intensiver gehört als die Relativierung.

Das beste Mittel, was einem aber nicht in jeder Situation und auch nicht jedem Naturell zur Verfügung steht, ist warmherziger Humor. Der darf auch mit Übertreibungen spielen, sich an verrückten Bildern oder Metaphern versuchen, aber es muss immer durchscheinen, dass man die Menschen i.a. und den Menschen im Besonderen im Grunde seines Herzens liebt, dass man sich mit ihm auf einem Boot fühlt auf der Reise durch das Leben.

Kritikfähigkeit und Selbstwertgefühl sollte man meinen, spielen sich vor allem im Kopf ab. Am Tonfeld zeigt sich der starke Leibbezug dieser Eigenschaften.  dieses ‘vermiente Selbst’ in einer Verhaftung der Bewegung. Prinzipiell kann jeder Hände und Arme frei bewegen, ohne den Leib daran beteiligen zu müssen. Menschen, bei denen Kritik als ein Infragestellen ihrer Person in die Glieder fährt, können die Glieder in ihrer Spontanbewegung eben nicht abgelöst vom Leib bewegen. Wird Ton herausgenommen, dann zieht nicht nur der Arm, sondern der ganze Mensch daran. Die Bewegungen sind nicht frei, sondern immer Leib-verhaftet.

Schulangst und Schulverweigerung

Schulangst von Kindern ist kein seltenes Phänomen. Die Ausdrucksformen dieser Angst sind vielfältig, können von heimlicher Schulverweigerung bis zu lautem Gezeter und Geschrei bei Abgabe des (Grundschul-)Kindes in der Schule reichen oder eine recht subtile, fast unmerkliche Form annehmen.

Häufige Ursachen sind Überforderung, Unsicherheiten, mangelndes Selbstwertgefühl, ein schlechtes Verhältnis zur Lehrkraft, zu hohe Erwartungshaltung der Eltern, Verweigerung gegenüber der Art der Disziplinierung, Mobbing und Ausgrenzung (z.B. wenn das Kind nicht die angesagte Marken-Mode trägt) oder auch eine sehr berechtigte Angst vor Gewalt bzw. Gewaltandrohung durch Mitschüler u.ä.

Die Erfolge mit den gemeinhin ins Feld geführten Therapie- und Behandlungsformen ist mäßig – auch stark vom Alter abhängig (je früher interveniert wird, um so besser die Chancen). Manchmal wachsen sich die Ängste zu regelrechten Phobien aus und prägen sich tief in die gesamte Persönlichkeitsstruktur ein und die Erfolgsquote durch übliche Behandlungsmethoden liegt oft unter 50%.

Handlungskompetenz vermitteln

Die Arbeit am Tonfeld setzt an ganz anderer Stelle an. Eine lange Untersuchung über die möglichen Ursachen der Schulangst entfällt. Sie ist eingeprägt in die ganze Handlungsweise und den Bewegungsausdruck des Kindes. Oft sind solche Kinder in irgendeiner Weise handlungsohnmächtig, bewegen sich thematisch in der Polarität von Allmacht und Ohnmacht. Sie haben sich zu wenig in ihrer Handlungskompetenz erfahren oder sind mit ihrer Handlungskompetenz zu wenig vertraut, Meist fühlen sich in ihrem Selbst gefährdet und wagen nicht, sich zu zeigen als die, die sie sind. Es fehlt ihnen häufig an Ausdrucksmöglichkeit für ihr inneres Erleben. Solche Verhinderungen ziehen Mobbing regelrecht an und häufig entsteht daraus eine Abwärtsspirale in der ganzen Persönlichkeitsentwicklung, die dann auch das Beziehungserleben und Sozialverhalten im Erwachsenenalter mitbestimmen.

Die Arbeit am Tonfeld vermag die Ängstlichkeit im Gestus, in der ganzen Hinwendung zur (gestaltbaren) Welt in direkter leiblicher Erfahrung aufzugreifen und umzuformulieren bzw. zu wandeln. Der Ton bietet sowohl für den gestischen, als auch für den bildlichen Ausdruck alle Möglichkeiten. Wenn es sich kompetent erfährt, seine “eigenes Nest” herzustellen, sich aufzurichten, an Widerständen zu behaupten, in die Kraft zu gehen, sich in der Fülle zu erleben, dann prägt sich das in den Selbstausdruck und die eigene Handlungskompetenz ein. Das Kind wird mit diesen leiblichen Erfahrungen anders mit sich selbst und seinen Bezugnahmen zur Welt vertraut.

Weiblichkeit

Ein häufiges Thema von Frauen am Tonfeld ist, ihre Weiblichkeit zu leben. Viele haben den Zugang zu ihrer geschlechtlichen Identität ein Stückweit verloren, weil einfach die Lebenswelt viel zu funktional organisiert ist und sie eben auch mit Kindererziehung, Berufsfähigkeit, Haushaltsführung etc. über weite Strecken nur funktionieren müssen. Sie schaffen es häufig, sich darin gut einzufügen, aber es entspricht eben nicht ihrer geschlechtlichen Identität, die mehr mit Verbinden, Empfangen, Berührtsein, Bezogenheit, Einfühlung etc. zu tun hat, aber wenig mit Funktionalität und Faktizität. Daraus erwächst dann eine Diskrepanz zwischen dem, was sie leben, und der Fülle, die sie ahnen, aber eben nicht wissen, wie sie da herankommen können.

Manche Frauen überbrücken diese Diskrepanz, indem sie sich einen gewissen Schematismus zulegen, der ihnen viel Rahmen und Halt gibt, worin sie sich selbst in ihrer Weiblichkeit nicht mehr wiederfinden. manchmal auch Härte oder emotionalen Pragmatismus zueigen machen. In aller Regel fühlen sich Frauen nicht wohl darin. Funktionalität gibt Sicherheit, Klarheit, Ordnung, und oft sind Frauen heute besser organisiert als (die aus ihrem Kindsein manchmal noch nicht herausgewachsenen) Männer. Viel stärker aber ist bei Frauen die Ahnung und das Bedürfnis ausgebildet, dass unter der Oberfläche des Funktionalen eine tiefere Qualität von Bezogenheit und Verbundenheit, von Begegnung und Nähe liegt, zu der sie aber zum Teil den Zugang oder die Fraglosigkeit verloren haben. 

Im Tonfeld drückt sich das auf vielfache Weise aus. Manchmal wird das Material nach Kräften durchgearbeitet, geradezu verzweifelt, weil vom Material her zu wenig ‘Antwort’ zurückkommt. Die Hände gehen bei aller Bemühtheit und aller eingesetzten Kraft quasi leer aus. Gesucht wird bei alledem eine innige Qualität von Berührung und Berührtsein jenseits des oberflächlichen Herumtastens und Drückens. 

Manchmal zeigt sich die Thematik in Basteleien, irgendwelchen winzigen Niedlichkeiten, die nicht das Maß der Hände erreichen. Auch hier kommt vom Material nichts zurück. Die Bastelein sind allein aus der Vorstellung heraus gebastelt, ohne dass sie etwas mit der Person zu tun hätten. Meist werden sie dann auch, da bedeutungslos, wieder zerstört. 

Genausogut kann aber auch sein, dass Tränen fließen, einfach weil diese gesuchte Qualität von Berührung und Gesehen-werden in der Berührung erfahren wird, ganz unverhofft, wo dann eine große Innigkeit und Stille eintritt und auf einmal klar wird, welche Qualität im Grunde immer gesucht worden ist, ohne jedoch von dieser unterschwelligen Suche wirklich gewusst zu haben. Häufig entstehen dann Schalen, weiche Übergänge, Landschaften, die viel Berührung erlauben. Wasser wird gern hinzugenommen. Mitunter wird die Berührung des Materials auch als erotisch erfahren und die wie zufällig aus der Bewegung heraus entstehenden Gestaltungen gewinnen auf einmal sexuelle Symbolkraft. Es entsteht ein Einsehen in Bildern wie auch in der Wahrnehmung, welches eine tiefe, heilende Kraft in sich birgt und auch nur in dieser Intensität erlebt und erfahren, aber nicht verbal ausgedrückt werden kann. Manchmal leuchtet darin plötzlich – nur für einen kurzen Augenblick – die ganze eigene Schönheit in der Weiblichkeit auf, und so kurz der Moment auch sein mag, verändert er oft viel. Es bleibt die Spur einer Erinnerung, jener Erfahrung, den Grund der geschlechtlichen Identität berührt zu haben, die fortan auf Dauer hineinragt in die gelebte Wirklichkeit. Was das ausmacht, lässt sich nicht sagen. Es ist bei jedem Menschen anders. Aber es macht einen bedeutenden Unterschied. 

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