Spiritualität Archive - Arbeit am Tonfeld

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Alles, was ins Spirituelle hineinragt

Die Angst vor der Lust

Die Lust ist eines der schönsten Gefühle, die Menschen so haben können. Sie ist kein unmittelbar emotionales Empfinden, sondern eher ein verspürter Handlungsantrieb. Und im Sexuellen bekommt sie noch mal einen ganz anderen Beiklang - natürlich auch als Handlungsantrieb. 

Da liegt es nahe zu glauben, dass alle Menschen in Sachen Lust sofort Hurra schreien würden: Ich habe Lust auf Lust. Erstaunlicherweise ist dem nicht so. Am Tonfeld kann ich das oft beobachten, dass Lust oft nur mit Handbremse gelebt wird, als gefährlich erscheint bzw. mit Angst belegt ist. 

Urvölker, das vermute ich so, kennen diese Angst wahrscheinlich nicht. Sie sind, salopp gesagt, weniger katholisch (nichts gegen das Katholische, nur gehört die Lust nicht zu den ausgewiesenen Kernkompetenzen dieser Kirche). Soll lediglich heißen, dass sie kulturell weniger mit angstbesetzten Verhaltensvorstellungen überprägt sind. Und dass sie dem Archetypischen natürlicherweise sicherlich näher stehen. 

Die Lust ist etwas Archetypisches. Und sie ist das Gegenbild von Kontrolle. Genau das macht sie uns, den Verstandmenschen, mitunter 'unheimlich'. Unheimlich heißt ja, dass wir dann außerhalb dessen sind, was uns heimisch ist. Wir verlassen das Heim, die haltgebenden Wände unserer Kontrolle und geben uns hin, auf Gedeih und Verderb. Das will die Lust. Unbedingtheit. Ewigkeit, Entgrenzung. 

Der - teils übersteigert hellfühlige, oft kränkelnde - Philosoph Friedrich Nietzsche fasste dies einmal in die Verse:

O Mensch! Gib acht!
Was spricht die tiefe Mitternacht?
"Ich schlief, ich schlief -,
Aus tiefem Traum bin ich erwacht: -
Die Welt ist tief,
Und tiefer als der Tag gedacht.
Tief ist ihr Weh -,
Lust - tiefer noch als Herzeleid:
Weh spricht: Vergeh!
Doch alle Lust will Ewigkeit -,
- will tiefe, tiefe Ewigkeit!"

Hier sind beide Pole genau auf den Punkt gebracht: Die Angst - o Mensch, gib acht! - und das Verlangen nach Ozeanisierung, nach Verbindung mit dem Ganzen. Nichts anderes meint ja seine - etwas dick aufgetragene - Tiefe. Und dass er die Tiefe so notorisch betont, kündet ja eindrucksvoll von den Abgründen und der Fallhöhe, die Nietzsche da erahnt. 

Lust als nährende Verbindung zum Ganzen

Wir nähren uns aus der Verbindung zum Ganzen, und das heißt: aus der Lust - seelisch gesehen. Doch der Einsatz, der auf dem Spiel steht, ist unsere Identität (bzw. das, was irgendeine Instanz in uns dafür hält). Wenn wir uns hingeben, geben wir uns auf - so wie der Tropfen, der sich in den großen Ozean ergießt. Auch er verliert dann seine Identität als Tropfen - aber nur, um hernach wieder neu aufzusteigen, gewandelt, erfrischt, transformiert. Wir müssen uns verlassen, ganz wörtlich, wenn wir zu uns kommen wollen, wenn wir einkehren wollen bei uns selbst. 

Wenn wir uns verlassen (sprich entäußern), brauchen wir Verlässlichkeit - ein Urvertrauen. Wir brauchen das Urvertrauen, dass, wenn wir uns fallen lassen, nicht in einer unendlichen Tiefe verschwinden (mit schönen Grüßen von Nietzsche), sondern in eine Mitte hineinfallen. Dass da ein Grund ist, der uns trägt. Heinz Deuser, der Erfinder der Arbeit am Tonfeld, nennt das den Lebensgrund. Wer religiöser angehaucht ist, dem gefällt vielleicht besser noch das Bild, sich fallen zu lassen in Gottes Hände. Und im Vater-unser geht der Satz: 'Dein Wille geschehe', meint aber genau das, sich dem Größeren, Selbstorganisierenden zu überlassen, aus dem heraus wir uns empfangen (wir glauben immer, wir seien schon 'irgendwie', übersehen aber, das das Spontane, wo wir am meisten echt sind, nicht in unserer Macht steht. Da 'empfangen' wir uns). 

Vermittlung über die Mutterbeziehung

Normalerweise wird dieses Urvertrauen und mit ihr das natürliche, unverstellte Verhältnis zur Lust über die Mutterbeziehung vermittelt. Wer im Internet danach googlet, findet erstaunlicherweise nichts. Am Tonfeld kann ich nachfragen. Und da ist es immer so: Wenn die Mutterbeziehung nicht in den wesentlichen Aspekten in Ordnung war, dann ist die Lust immer ein Stückweit mit Handbremse unterwegs. Das bedeutet nicht, dass jene Menschen nicht zur Ekstase (ek stasis - heraustreten aus sich selbst) fähig wären. Manchmal wird Ekstase, Entgrenzung, Lust sogar zur Ideologie verklärt. Wo das der Fall ist, findet sich bei genauerem Hinschauen fast immer eine innere, unerlöste seelische Spannung, etwas Unausgeglichenes. Natürlich, Lust fordert Unbedingtheit, gleichzeitig aber braucht es auch Gelassenheit, um sich eben lassen zu können. Leben ist eine Kunst. 

Wenn am Tonfeld Lust in wilde Matscherei übergeht - und viele Menschen setzen Matschen vorschnell gleich mit Lust pur - dann stimmt etwas nicht. Jede Tonfeldarbeit dringt auf Klärung und Klarheit, nicht auf Rausch. Eine solche Grammatik ist in uns angelegt. Jede Lust, die frei gelebt werden kann, sättigt sich von selbst und mündet in eine Gestalt, sprich in einen möglichst klaren, prägnanten, reinen Ausdruck. Nur in diesem Ausdruck erfüllt sich die Lust. Nur da nähren wir uns wirklich. 

Arbeit am Tonfeld als Weg zum angstfreien Sich-Verlassen-Können

Wann immer 'Angst vor der Lust' vorherrscht, fällt dieses Erleben von Fülle oder Erfüllung karger aus. Mitunter verbleibt etwas unklar Sehnsüchtiges, manchmal Melancholisches, ein Wunsch nach mehr Verbindung mit dem Numinosen. Oder es entsteht ein kleines Erschrecken, sich nicht von dieser 'verbotenen Speise', die man so ein klein bisschen gekostet hat, verführen zu lassen. Es hieße ja, die eigene Identitätsvorstellung ein Stückweit infrage zu stellen. Die einen wie die anderen ahnen jene saftigen inneren Landschaften, kennen aber nicht den Weg dorthin. Am Tonfeld ist es möglich, diese Wege zu finden und Menschen dahingehend zu begleiten. Es geht nicht darum, die Menschen zu verändern, sondern sie an ihre eigene, selbstheilende Kompetenz zu vermitteln. Sie werden ihr eigener Therapeut.  

Was dann passiert, ist, dass sich - oft in kleinen, fast unmerklichen Schritten - die Erfahrung einschreibt: Es ist nicht gefährlich, sich hinzugeben, frei zu atmen, sich zu erstrecken, Berührung zu genießen, einzutauchen in das Material, sich zu zeigen. Ganz - in seinem ungefilterten Selbstausdruck. Und wir sind dann immer noch da, überleben das, versinken nicht im Erdboden. 

Das gelingt nicht unbedingt allen. Das Tonfeld bietet nur Möglichkeit und die Voraussetzungen, dass es gelingen kann. Die Schichten der Tabus, die manchmal um den vitalen Kern herum gelegt sind, können ganz schön verfestigt sein, so dass der Halt und die Sicherheit, die in der Selbst-Kontrolle liegen, höher bewertet werden als jenes Wagnis der freien Lust. Das gilt es zu akzeptieren. Es muss ja nicht eines jeden Menschen Lebensaufgabe sein, dort hin zu gelangen. Manchmal ist der erste Schritt auf dem Weg das gesuchte Heilsame. 

Flammentod und Lebenslust

Welche Vitalität dort am Grund der Hingabe und Lust zu schöpfen ist, wusste nur all zu gut Altmeister Goethe. Sein Gedicht 'Selige Sehnsucht' kündet davon, beginnend mit den berühmten Zeilen: 

Sag es niemand, nur dem Weisen,
weil die Menge gleich verhöhnet,
das Lebend'ge will ich preisen,
das nach Flammentod sich sehnet...

und das dann endet mit den Strophen:

... keine Ferne macht Dich schwierig,
kommst geflogen wie gebannt.
Und zuletzt, des Lichts begierig,
bist Du, Schmetterling, verbrannt. 

Und solang Du dies nicht hast, 
dieses Stirb und Werde
bist Du nur ein trüber Gast
auf der dunklen Erde.

Vielleicht ist das bisschen streng geurteilt. Auch jene, die sich nicht in den großen Ozean oder in das Flammenmeer werfen, können auf ihre Weise großartige Menschen sein und bewunderswert ihr Leben meistern - bei allen Verletzungen, die sie in sich tragen. Aber die leuchtendsten Farben malt das Leben dann, wenn wir die Angst vor unserer Lust ablegen können - fraglos. 

Die Heilkraft der Zeit

Für einen Physiker (wie mich) ist die Zeit ein großes Mysterium: Wo kommt sie her, wie konnte der U(h)rknall dieses geordnete Nacheinander aller Dinge hervorbringen, alles in Bewegung setzen? Und wie können wir uns selbst mit unserer womöglich zeitlosen Seele als zeitliche Wesen begreifen auf unserem unergründlichen Weg zwischen Geburt und Tod?

Die Gegenwart ist ein so hauchdünner Schlitz zwischen Vergangenheit und Zukunft, so dünn, dass fraglich ist, inwiefern sie überhaupt existiert. Sie ist wie ein scheues Tier, nie recht zu fassen, immer schon fort, sobald man sie meint, am Wickel zu haben. Jedes Nach-Denken über die Gegenwart kommt - zwangsläufig - zu spät. Und Gegenwart vor zu denken, quasi auf Reserve, geht auch nicht. Kurzweg: Mit dem reflektierenden Bewusstsein ist ihr nicht beizukommen.

Zeit heilt alle Wunden

Gleichwohl gibt es den Zustand der Gegenwärtigkeit, in den wir uns irgendwie einlassen können, nur halt nicht bewusst wollend. Bewusst können wir eine Öffnungsbereitschaft herstellen, aber dann ist es ein Sich-Überlassen.

Die Hände sind hier an dieser Stelle viel besser. Denn im Tun stellt sich oft wie von selbst und völlig nebenbei ein Zustand echter Gegenwärtigkeit ein. Hier verschmelzen, wenn wir uns genügend Zeit nehmen, Wahrnehmung und Bewegung zu einer Einheit, d.h. zu einem Erlebensmoment, der dann stetig fortrollt. In dieser Einheit liegt eine zutiefst heilende Qualität. Die meisten wissen davon, ahnen es, aber verstehen diese Qualität nicht in ihrer eigentlichen Tiefe. Genau darum soll es im Folgenden gehen.

Der Volksmund sagt salopp: Die Zeit heilt alle Wunden. Abwarten und (Kräuter-)Tee trinken, dann wird's schon. Stimmt ja auch oft, aber das ist nur der banale Aspekt von Zeit. Die Zeit kann viel mehr.

Tatsächlich lässt sich Zeit als echtes und sogar wundersames Heilmittel begreifen, wie eine Arznei, die sich einnehmen lässt - gegen Schlaflosigkeit, gegen Stress, gegen Nicht-In-(der)-Ordnung-sein. Dazu muss sie allerdings auch wie eine Arznei wirklich 'ein-genommen' werden. Und das ist für uns heutige, schnelllebige Gemüter nicht mehr so einfach. Wir haben kaum mehr Übung darin. 

Um die erlebte Zeit zu begreifen, müssen wir das Leben selbst begreifen. Leben ist bedeutungsschöpferische Aktivität, also jener Prozess, der Bedeutung/Sinn hervorbringt (wer sich tiefer dafür interessiert, findet in meinem Buch Ganzheitliche Pflanzenkunde ganz viel darüber nebst einem Fundus an Inspiration und neuartigen Gedanken, beginnend übrigens bei der Quantenphysik). Genaugenommen erwachen wir mit unserer Geburt nur inmitten dieser Aktivität (mitten im Leben), die letztlich - physikalisch ist das so - bereits mit dem Urknall angefangen hat. Es braucht also im Grund nichts anderes als Licht (Energie) und Zeit, und wie von Wunderhand organisiert sich daraus das gesamte Füllhorn der Evolution.

Alles gliedert sich rhythmisch, entwickelt Variationen, nabelt sich ab, bildet neue Nischen, webt sich ineinander, passt sich ein. Diese unglaubliche schöpferische Kreativität und Ordnung entsteht ganz aus sich selbst heraus, wenn, ja wenn man all dies den jeweiligen Eigenzeiten überlässt. Dort, wo Hast aufkeimt, entstehen Spannungen und gewachsene Ordnungen zerbrechen z.T. wieder (heute leben wir in einer überhasteten Zeit, und dieses Getriebensein führt kollektiv in die Kompliziertheit, nicht in die gelingende Komplexität). 

Über die Zeit als solche nachzudenken, kann einen schnell kirre machen. Schon Augustinus philosophierte: 

Was ist also die Zeit? 

Wenn mich niemand darüber fragt, so weiß ich es; wenn ich es aber jemanden auf seine Frage erklären möchte, so weiß ich es nicht. Das jedoch kann ich zuversichtlich sagen: Ich weiß, dass es keine vergangene Zeit gäbe, wenn nichts vorüberginge, keine zukünftige, wenn nichts da wäre. Wie sind nun aber jene beiden Zeiten, die Vergangenheit und die Zukunft, da ja doch die Vergangenheit nicht mehr ist und die Zukunft noch nicht ist?

Die Vergangenheit existiert nicht mehr, die Zukunft noch nicht, und in gewissem Sinne existiert die Gegenwart auch nicht. Gegenwart ist ein Übergang. Sie lebt von Rücklagen aus der Vergangenheit und Anleihen aus der Zukunft, aus dem Widerfahrenen und dem Ahnenden oder Sehnenden. An genau dieser Grenzfläche braut sich das sich selbst organisierende Spontane zusammen. 

Besser verstehen lässt sich sich am Beispiel der Musik. Wie die Gegenwart existiert auch eine Melodie ausschließlich im Vorüberfließen. Sie entsteht an der Grenzfläche von Erinnertem UND Erwartetem. Fehlte eines von beidem, würde jede Tonfolge in zusammenhangloses Geklimper zerfallen. Zwar kann der je nächste Ton beliebig gewählt sein, nicht aber die je folgende Phrase. Eine Melodie zu hören ist so banal wie das Erleben der Zeit. Aber es gehört ein ganzer Kosmos dazu. Permanent muss das Verflossene aktualisiert und mindestens für kurze Zeit im Bewusstsein präsent gehalten werden, derweil gleichzeitig fortlaufend ein nächster Eindruck hereinpoltert und abgeglichen werden muss mit dem soeben noch Erlebten. Aber in eben diesem Prozess kommt etwas zum Klingen. Bezogen auf die Zeit ist das das tiefe Erleben von Gegenwärtigkeit, als würden wir selbst Klang oder Melodie werden.

Gegenwart und Gegenwärtigkeit

Gegenwärtigkeit ist ein Innenraum, den wir nicht betrachten oder 'wissen' können. Sobald wir darüber reflektieren, ist dieser Zustand immer schon vorbei. Aber es ist ein zutiefst heilender Zustand, im Grunde DER heilende Zustand, weil wir dann nämlich angeschlossen sind an das Selbstorganisierende, und das wird ja oft auch als das Göttliche bezeichnet. Diesen Raum also können wir nur betreten. 

Methoden dazu, wie das geht, gibt es so einige. Die bekannteste ist Meditation. Oder Achtsamkeitstraining. Allerdings sind das künstlich hergestellte Situationen, die sich dann nicht so ohne weiteres in den Alltag transferieren lassen. 

Im Handeln geht es leichter. Handeln ist gewissermaßen der natürliche Weg letztlich zu uns selbst, sehr unscheinbar und unspektakulär, aber keinesfalls minder wirksam, wenn... ja wenn das rechte Maß der Zeit dabei gefunden wird. Wird dieses nicht gefunden, geraten wir in eine Art von Aktionismus und Eifrigkeit, sind dann im Kopf ganz woanders als in den Händen, im Grunde also nie bei uns selbst. Die Arten des Handelns, bei denen wir 'außer uns' geraten, sind: Handeln unter Zeit-Druck, funktionales Handeln, fremdbestimmtes Handeln, Handeln unter Erwartungsdruck usw.

Am Tonfeld treten dererlei Muster bei ganz vielen Klienten zutage. Da sind die Hände permanent unterwegs, immer in Bewegung, rastlos. Die Bewegungen müssen dabei gar nicht hektisch sein, können sogar vergleichsweise langsam ausgeführt sein. Und trotzdem wohnt ihnen eine Ruhelosigkeit inne, als stünde es einem nicht zu, die eigene Seele bei sich einkehren zu lassen. Man muss diesen Zustand der inneren Einkehr wenigstens einmal erlebt haben, um zu wissen, was hier gemeint ist. Es ist total erstaunlich, dass manchmal mit relativ wenigen Bewegungen am Tonfeld ein unglaublich tiefer Zustand der Ruhe erreicht wird, wie ihn die Klienten oft für sehr lange Zeit, teils sogar noch nie, erlebt haben. Das hat nichts mit Chillen zu tun, mal ausspannen, bisschen dösen oder so ähnlich. Dies hier ist eine Ruhe, die 'klingt', ein Ankommen im Gewahrsein. 

Der Satz: "Lassen Sie sich ruhig Zeit" gehört zu den häufigeren Sätzen in der Arbeit am Tonfeld. Es ist ein Zaubersatz, auch wenn dieses Zeit-lassen in den seltensten Fällen direkt aufgegriffen wird. Das geschieht nicht aus innerem Widerstand nach dem Motto, ich kann doch selbst bestimmen, wie viel Zeit ich mir nehmen will, sondern... es gelingt einfach nicht. Die Bewegung ist wie in einer Art Schwungrad gefangen, und dieser Schwung kann sich nur 'ausleppern'. Er lässt sich nicht von jetzt auf gleich abstellen. 

Da-Sein

Ich habe selbst mal am Tonfeld genau diese Erfahrung gemacht, bei Herrn Deuser (dem Erfinder der Arbeit am Tonfeld) in der Ausbildung. "Lass Dir ruhig Zeit", sagte er, als ich so bisschen fahrig zu Werke ging. Aber Zeit lassen, das war mir zu blöd. Ich wollte einfach 'mein Ding' reiten - ohne dass ich bemerkt hätte, wie sehr ich da in einer bestimmten Rolle festhing. 

Aber dieser Satz trägt Schichten ab. Das Gefühl, sich Zeit lassen zu können, sickert immer mehr ins Herz, und irgendwann - ziemlich unmerklich - kommt die Seele dem Tun der Hände wirklich an, Wahrnehmung und Bewegung verschmelzen zu einem Akt. In diesem Augenblick wandelt sich der Charakter des Handelns - man kann das deutlich sehen. Es fährt eine echte Erkenntnis in den Ausdruck der Hände, eine andere Art von Gewahrsein, auch von Lust, von Satt-werden, von Berührtsein. Und von da erwacht auch ein wirklich lebendiges, sinnerfülltes Interesse am eigenen Tun. Was da entsteht, ist Präsenz, man könnte auch sagen: Kohärenz - also ein Ein-Klang von äußerem und innerem Menschen. Ab da braucht es kaum noch eine weitere Ansprache von außen, also vom Begleiter, weil das Handeln - und darin der ganze Mensch - sich zu einer eigenen inneren, erfüllenden Ordnung selbst organisieren. 

Die Entspannung der Seele

Im Kern ist dies ein heiliger Moment - und heilender Moment, die Einkehr zu sich selbst, eine Art Nach-Hause-Kommen. Solche Momente können im Grunde in jeder mitmenschlichen Begegnung entstehen, und der Schlüssel dazu heißt ganz einfach: Zeit schenken. Da sein, um da zu sein. Zu keinem anderen Zweck. Und diese Zweckfreiheit bereitet einen Zeit-Raum, der - losgelöst von jedem funktionalen Gedanken - alle Möglichkeit bereitstellt, dass Menschen in Begegnung ihres eigenen Klanges gewahr werden können, also zurückfinden können zu sich selbst.

Der große buddhistische Mönch Thich Nhat Hanh formulierte einmal diesen wunderschönen Satz, der ein Allheilmittel in allen Partnerbeziehungen sein kann: Darling, I am here for you. Nicht: Soll ich in der Küche noch etwas helfen, soll ich Staub wischen für Dich oder Dir ein wunderbares Abendessen bereiten. Zum Herrn mit all dem Aktionismus: Darling, I am here for you. Ich schenke Dir meine Zeit, dass Du Dich an mir in Deinem Da-Sein erleben kannst. 

Das ist übrigens in alteingesessenen Partnerschaften (evtl. mit viel Fernsehkonsum) gar nicht so einfach, kann es doch leicht damit verwechselt werden, dass sich beide nichts mehr zu sagen haben. Oder dass beide erwarten, dass doch irgendein Austausch losgehen müsste, sonst wäre es hier sinnlos verbratene Zeit, in der man auch Besseres hätte tun können. 

Der Unterschied dieser 'verbratenen' Zeit zu jener hier gemeinten heilenden Zeit ist vergleichbar dem Unterschied in einer Meditation zwischen einem schläfrig dösigen Zustand und jenem 100% präsenten, wachen und in sich ruhenden Zustand, wie er angestrebt wird. Wahrnehmende Ruhe. Der (geliebte) Partner kann ruhen am Da-Sein des Anderen - das ist geschenkte heilende Zeit. Das gelingt als Begleiter am Tonfeld, es gelingt auch in Beziehung, wenn es ein Bewusstsein - oder mindestens ein Gschmäckle - dafür gibt. 

Ein solcher Zeit-Raum ist immer ein Raum, wo gewissermaßen Gott zu Wort kommen kann (wie soll man es anders ausdrücken). Es ist einfach etwas Großes, was sich da auftut, ein Zwischen-Raum, der im Grunde immer da ist, aber fast nie wahrgenommen wird. Hier ent-spannt sich die Seele, kann sich also ausdehnen, was mit einem Empfinden von Weite, wenn es gut geht von Ganzheit und Ankommen einhergeht. 

Ich persönlich glaube ja, dass dieser Gewahrseinszustand im Grunde unser Urzustand ist, in dem indigene Völker auch heute noch leben, den wir aber in unserer Kultur verloren haben. Die gute Nachricht ist, dass wir uns wieder daran anschließen oder gewissermaßen zurückerinnern können. Die Arbeit am Tonfeld stellt sich dar als ein möglicher, vor allem so schön 'handfestester' und zugleich maximal schlichter Weg dorthin.

In Ruhe gelassen werden

Manchmal kommen Menschen zu mir in die Praxis, um in Ruhe gelassen zu werden. Klingt verrückt - sie könnten sich ja auch einfach ins stille Kämmerchen zuhause zurückziehen und hätten da ihre Ruhe. Stattdessen machen sie sich extra auf den Weg zu mir, nehmen Fahrt und Kosten auf sich, nur um dann ... in Ruhe gelassen zu werden.

Als mir das das das erste mal begegnete, kratzte das an meinem Selbstverständnis als Begleiter. Wie sollte ich den Menschen weiter helfen können, wenn ich nur da sitze und zuschaue, wie sich die Hände am Tonfeld bewegen - ohne jeden Kommentar, ohne jeden Hinweis.

Die Sache ist tiefgründiger, und die Arbeit am Tonfeld gibt es sogar her, vollkommen still begleiten zu können. Begleiten heißt nicht, einfach nur stumm herum zu sitzen, sondern zu verstehen. Es ist ein Riesenunterschied, für sich allein zu sein oder von anderen Menschen in Ruhe gelassen zu werden. In Beziehung! Da ist jemand, der mich in meinem So-Sein, wie ich bin, wie ich mich ausdrücke in meinem Tun, bedingungslos annimmt.

Viele denken ja, dieses 'Gebastel im Ton' habe mit dem richtigen Leben bzw. dem Handeln im Leben nicht wirklich viel zu tun. Das stimmt aber nicht. Das Tonfeld spiegelt den Menschen, er kommt mit sich und seiner biographischen Erfahrung in Berührung, ganz unmittelbar. Es geht um Erprobungen der Annäherung, der Hingabe, des Ergreifens, des Behauptens, des Sich-Verlassens usw. Und das alles soll mitmenschlich wahrgenommen, bezeugt, ausgehalten und eben: verstanden sein, sonst zählt es irgendwie nicht. Oft geht es dabei um tief spirituelle Erfahrungen, die als solche nicht ohne weiteres bemerkt werden. Es gibt ja keine Räucherstäbchen, keine Klangschalen, keine Meditationskissen, nur Tonerde.

Begegnung mit sich selbst

Was aber passiert, ist eine tiefe Selbstbegegnung, manchmal sogar ein kleines Erschrecken zu sich selbst, ein plötzliches Aufmerken: Huch, das bin ja wirklich ICH. Dies geschieht im Kontext einer Lebenserfahrung, die von Fremdbestimmung geprägt ist oder dem Erleben, nicht gut genug zu sein. Zu oft lauerte in solchen Fällen die Gefahr, dass ich korriert wurde oder mich dagegen behaupten und retten musste. Manche haben darüber eine extreme Sensibilität für Untertöne entwickelt. Sie prüfen jeden Satz bis ins 'Atomare', ob nicht irgendeine Andeutung, die Nuance einer kritischen Färbung mitschwingt - ein Minenfeld für den Begleiter. 

In der Haptik ist nun eine Artikulation möglich, die ganz andere Qualitäten auszudrücken vermag als Sprache. Und immer erzählen die Hände eine Sinngeschichte. Die Bewegungen sind zwar spontan, aber nicht zufällig, eher so wie improvisierte Musik. Der je nächste Ton ist unvorhersagbar, aber die daraus entwickelten Phrasen ordnen sich in eine harmonische Folgerichtigkeit. Und in alledem transportieren sie eine bestimmte Stimmung.

Wenn ich als Begleiter das Tun dieses Menschen am Tonfeld wirklich verstehe, ihn in seinem Ausdruck erkenne und wahrnehme, dann passiert auf seelischer Ebene etwas, was nicht passieren würde, säße ich nur gelangweilt daneben. Erwachsene arbeiten ja mit geschlossenen Augen. Sie können mich nicht sehen, während sie dort arbeiten. Aber der Unterschied ist riesig und hat mit Resonanz, mit Beziehung, mit Begegnung zu tun. Darin liegt ein großer Zauber dieser Arbeit.

In Ruhe gelassen werden

Die Erfahrung, in Ruhe gelassen zu werden, ist für viele Menschen unendlich heilsam, fühlt sich manchmal sogar an wie ein Geboren-Werden, wie ein Niederkommen. Das passiert dann auch ganz real. Die Hände kommen nieder, die Spannungen in den Schultern, im Atem, im Leib lösen sich. In diesem Setting muss an keiner Stelle eine besondere Vorsicht walten wie vielleicht sonst im realen Leben. Jede Form von Anstrengung fällt ab. Indem die Menschen also in Ruhe gelassen werden, können sie in Ruhe gelassen werden. Nicht von jetzt auf sofort, aber Schicht für Schicht.

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