Tonfeldartikel Archive - Arbeit am Tonfeld

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Hier sind alle speziell auf die Tonfeld-Arbeit zugeschnittenen Artikel drin enthalten

Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein

Brauchen kann es jeder, und wünschen tut sich's auch so ziemlich jede und jeder: Selbstvertrauen. Wer davon zu wenig hat, kann im Internet googlen. Da gibt es tausende Kurse und Übungen, wie Selbstvertrauen oder Selbstbewusstsein 'hergestellt' werden kann. Ja, hergestellt. Z.B. durch folgende 14 Übungen

Selbstvertrauen leben

- Arbeite an Deiner Körperhaltung (aufrichten, Schultern zurücknehmen...)
- Lerne Dich kennen (die Stärken, die Schwächen, Visionen ...)
- Tu etwas Bedeutsames (Kinder erziehen - geht ja nicht anders, Ehrenamt, im Beruf)
- Verlasse Deine Komfortzone (Dinge tun, die Überwindung kosten. Puhhh)
- Umgibt Dich mit starkem Umfeld (bist Du der Beste im Raum, bist Du im falschen Raum)
- Sorge für Dich (Grenzen einhalten, Ruhe und Entspannung gönnen ...)
- Bringe den inneren Kritiker zum Schweigen (immer feste druff)
- Mache Dir Komplimente (das Gleiche wie eben, nur jetzt in grün)
- Lächle (verbessert die Ausstrahlung. Wer mehr strahlt, strahlt mehr aus)
- Lerne, nein zu sagen (... wenn Du überredet werden sollst; oder Ja, wenn Du Dich schämst)
- Beende ein Projekt (was geschafft zu haben, macht mehr her als nix geschafft zu haben)
- Setze Dir große Ziele (erlaube Dir, groß sein zu dürfen - so richtig)
- Sorge dafür, dass Du Dich in Deiner Haut wohlfühlst (Kleidung, Essen, Sport, Haut sowieso...)
- Sei geduldig mit Dir (falls alles Vorherige nicht klappt; vielleicht später)

Nette Aufzählung, alles richtig. Wenn ich trotzdem die einzelnen Punkte ein bisschen flapsig kommentiere, dann nur deshalb, weil ich eine unwillkürliche Abneigung gegen alles Rezepthafte hege. Als wäre der Mensch 'machbar'. So ist es doch nicht. Schopenhauer hatte bereits erkannt: Der Mensch kann zwar tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will. Wir müssen ja auch an unser Wollen herankommen. Gäbe es dieses Problem nicht, wäre es einfach. Dann würde sich jedeR die 14 Tipps schnappen, sie der Reihe nach abarbeiten und fertig. Selbstbewusstsein - wo ist Dein Problem. 

Der Blick durch die Tonfeld-Brille

Selbstbewusstsein im Greifen


Wenn ich durch die Tonfeld-Brille schaue - und ich bin nun mal ein notorischer Tonfeld-Brillenträger - dann erscheint das Wort Selbstvertrauen bzw. Selbstbewusstsein in anderem Licht. Da gibt es in uns ein Selbst, das wir sind, und ein Ich, das weiß, dass wir sind. Die hängen zusammen wie Pat und Patterchen - als Sein und Bewusst-Sein.

Selbst-Bewusstsein bedeutet demnach, dass das Ich zumindest mal so ungefähr weiß, wie das Selbst tickt und  dass die beiden Freunde sind. Falls dann mal jemand wagen sollte, am Selbst herum zu kritteln, springt das Ich in die Bresche und verteidigt es wacker wie ein großer Bruder den kleinen. 

Selbst-Vertrauen ist im Unterschied dazu noch mal von 'wärmerer' Qualität. Da mögen sich die beiden fraglos, und diese 'große Bruder-Attitüde' spielt keine Rolle. Im Selbst-Vertrauen ruht das Ich viel mehr an der Seite des Selbst (oder im Selbst), und andere kommen bei diesem Zustand kaum mehr auf die Idee, großartig herum zu kritisieren. Vertrauen ist Vertrauen - das hat nichts mit Verteidigungsbereitschaft zu tun. 

Dieses tiefe Vertraut-Werden mit sich selbst ist der eigentliche Kern der Arbeit am Tonfeld. Über das besondere Wechselverhältnis von Selbst und Ich wird noch mal ein anderer Life-Letter erscheinen. Hier nur so viel: Das Selbst ist unser Lebensdrang, es ist jene Instanz, aus der die spontanen Selbst-Ausdrucksimpulse hervorquellen. Diese Impulse sind nichts anderes als unzensierte Handlungsbereitschaften, ncht Handlungen, sondern Bereitschaften. Und das Ich muss sie durchwinken oder von seinem beanspruchten Vetorecht Gebrauch machen, und die Impulse unter Hemmung setzen (manchmal ist das Ich eine ziemliche Spaßbremse). 

Selbst-Vergessenheit als Ausgangspunkt der Selbst-Vertrautheit

Die Arbeit am Tonfeld ist so konzipiert, dass wir uns direkt von Anbeginn an in unseren spontanen Ausdrucksimpulsen erwarten können. Das Ich darf zunächst mal Urlaub machen und kann (und soll) später mit hinzu kommen. Aber erst dann, wenn das Selbst in seiner Ausdrucksdynamik hinreichend 'Schwung' aufgenommen hat. Der am Tonfeld-Arbeitende wird also anfangs immer in einer Weise begleitet, dass er in die Selbst-Vergessenheit abtauchen kann. Das Ich darf sich entlastet fühlen, muss nicht hinschauen, nicht kontrollieren, nicht aufpassen - der Begleiter ist da, übernimmt diesen 'Job'; es kann also nichts passieren. 

Wenn wir (als Tonfeld-Arbeitende) dann in unserem Schwung sind und unser eigentliches Lebensbedürfnis ein Stückweit von der Leine lassen, entsteht von selbst ein Streben nach Klarheit - nie nach Verklärung. Klarheit bedeutet, dass wir uns unseres vitalen Dranges irgendwie bewusst werden. Was in uns nach Erfüllung drängt, verdichtet sich auf einmal zu einem Hand-festen Wollen. Dieser Verdichtungsprozess ist der Urquell unserer intrinsischen (von selbst bzw. vom Selbst hervorgebrachten) Motivation. 

Im Erleben der Übereinstimmung von Selbst und Ich erwächst das Selbst-Vertrauen.

Übereinstimmung heißt: 'Sich eins stimmen', zusammenklingen. Wir können uns darin nicht beobachten - dann säße das Ich außen vor und mit der ÜbereinStimmung wäre Essig - wir können sie nur erleben. Sie geschieht.  

Das geschieht bei Erwachsenen, es geschieht bei Kindern (die oben genannten 14 Punkte mögen für Erwachsene tauglich sein, aber wie bringt man das Kindern nahe, wenn sie es sind, die zu wenig Selbst-Vertrauen haben?). Die Arbeit am Tonfeld macht da keinen Unterschied. In der Praxis sehe ich ja am lebendigen Beispiel, wie gut das immer wieder gelingt. Da ist nie die Frage: wie trete ich selbstbewusst auf, wie behaupte ich mich gegenüber anderen, welche Techniken kann ich einsetzen. Das Selbst-Bewusstsein wächst dort auf dem Boden des Selbst-Vertrauens. Und das lässt sich eben nicht erstreiten. Es ist der tiefere Zustand, der ruhendere, während das Selbst-Bewusstsein die nach außen - und ggf. auch sich selbst gegenüber - gezeigte Form ist. 

Anstrengungslose Selbstregulation

Im Zustand des Selbst-Vertrautseins richtet sich der Körper bzw. die Körperachse von selbst auf. Wenn ich die obige Liste durchgehe, dann erledigen sich die meisten Punkte en passent. Die Sorge für sich selbst, das Wohlfühlen, das Lächeln, das Geduldig-und Befreundet-sein, all dies ist in der Arbeit am Tonfeld zwanglos mit eingepreist. Und das Sich-selber-kennenlernen muss hier nicht per Fragenkatalog überlegt werden, sondern geschieht auf die organischste Weise. Anstrengungslos. Schließlich ist da noch der innere Kritiker - mit Tonfeldbrille das Ich, wenn's gerade mal wieder streng drauf ist - auch das muss sich bei dieser Arbeit nicht selbst den Mund verbieten. Hier geht es anders: Es legt sich ins Bett des Selbst. Und wo zwei im Bette liegen, da wird naturgemäß meist wenig geplaudert. 

Die Arbeit am Tonfeld ist freilich vielfältiger. Nicht jedeR, der ans Tonfeld kommt, hat das Thema Selbstvertrauen oder Selbstbewusstsein ganz oben auf der Agenda stehen. Aber egal, was da steht, im Nebeneffekt geschieht immer auch eine Stärkung des Selbst-Vertrauens. Es lässt sich nicht vermeiden. Die meisten - grob geschätzte 100% - können damit gut leben. 

Winking Face

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Die Angst vor der Lust

Die Lust ist eines der schönsten Gefühle, die Menschen so haben können. Sie ist kein unmittelbar emotionales Empfinden, sondern eher ein verspürter Handlungsantrieb. Und im Sexuellen bekommt sie noch mal einen ganz anderen Beiklang - natürlich auch als Handlungsantrieb. 

Da liegt es nahe zu glauben, dass alle Menschen in Sachen Lust sofort Hurra schreien würden: Ich habe Lust auf Lust. Erstaunlicherweise ist dem nicht so. Am Tonfeld kann ich das oft beobachten, dass Lust oft nur mit Handbremse gelebt wird, als gefährlich erscheint bzw. mit Angst belegt ist. 

Urvölker, das vermute ich so, kennen diese Angst wahrscheinlich nicht. Sie sind, salopp gesagt, weniger katholisch (nichts gegen das Katholische, nur gehört die Lust nicht zu den ausgewiesenen Kernkompetenzen dieser Kirche). Soll lediglich heißen, dass sie kulturell weniger mit angstbesetzten Verhaltensvorstellungen überprägt sind. Und dass sie dem Archetypischen natürlicherweise sicherlich näher stehen. 

Die Lust ist etwas Archetypisches. Und sie ist das Gegenbild von Kontrolle. Genau das macht sie uns, den Verstandmenschen, mitunter 'unheimlich'. Unheimlich heißt ja, dass wir dann außerhalb dessen sind, was uns heimisch ist. Wir verlassen das Heim, die haltgebenden Wände unserer Kontrolle und geben uns hin, auf Gedeih und Verderb. Das will die Lust. Unbedingtheit. Ewigkeit, Entgrenzung. 

Der - teils übersteigert hellfühlige, oft kränkelnde - Philosoph Friedrich Nietzsche fasste dies einmal in die Verse:

O Mensch! Gib acht!
Was spricht die tiefe Mitternacht?
"Ich schlief, ich schlief -,
Aus tiefem Traum bin ich erwacht: -
Die Welt ist tief,
Und tiefer als der Tag gedacht.
Tief ist ihr Weh -,
Lust - tiefer noch als Herzeleid:
Weh spricht: Vergeh!
Doch alle Lust will Ewigkeit -,
- will tiefe, tiefe Ewigkeit!"

Hier sind beide Pole genau auf den Punkt gebracht: Die Angst - o Mensch, gib acht! - und das Verlangen nach Ozeanisierung, nach Verbindung mit dem Ganzen. Nichts anderes meint ja seine - etwas dick aufgetragene - Tiefe. Und dass er die Tiefe so notorisch betont, kündet ja eindrucksvoll von den Abgründen und der Fallhöhe, die Nietzsche da erahnt. 

Lust als nährende Verbindung zum Ganzen

Wir nähren uns aus der Verbindung zum Ganzen, und das heißt: aus der Lust - seelisch gesehen. Doch der Einsatz, der auf dem Spiel steht, ist unsere Identität (bzw. das, was irgendeine Instanz in uns dafür hält). Wenn wir uns hingeben, geben wir uns auf - so wie der Tropfen, der sich in den großen Ozean ergießt. Auch er verliert dann seine Identität als Tropfen - aber nur, um hernach wieder neu aufzusteigen, gewandelt, erfrischt, transformiert. Wir müssen uns verlassen, ganz wörtlich, wenn wir zu uns kommen wollen, wenn wir einkehren wollen bei uns selbst. 

Wenn wir uns verlassen (sprich entäußern), brauchen wir Verlässlichkeit - ein Urvertrauen. Wir brauchen das Urvertrauen, dass, wenn wir uns fallen lassen, nicht in einer unendlichen Tiefe verschwinden (mit schönen Grüßen von Nietzsche), sondern in eine Mitte hineinfallen. Dass da ein Grund ist, der uns trägt. Heinz Deuser, der Erfinder der Arbeit am Tonfeld, nennt das den Lebensgrund. Wer religiöser angehaucht ist, dem gefällt vielleicht besser noch das Bild, sich fallen zu lassen in Gottes Hände. Und im Vater-unser geht der Satz: 'Dein Wille geschehe', meint aber genau das, sich dem Größeren, Selbstorganisierenden zu überlassen, aus dem heraus wir uns empfangen (wir glauben immer, wir seien schon 'irgendwie', übersehen aber, das das Spontane, wo wir am meisten echt sind, nicht in unserer Macht steht. Da 'empfangen' wir uns). 

Vermittlung über die Mutterbeziehung

Normalerweise wird dieses Urvertrauen und mit ihr das natürliche, unverstellte Verhältnis zur Lust über die Mutterbeziehung vermittelt. Wer im Internet danach googlet, findet erstaunlicherweise nichts. Am Tonfeld kann ich nachfragen. Und da ist es immer so: Wenn die Mutterbeziehung nicht in den wesentlichen Aspekten in Ordnung war, dann ist die Lust immer ein Stückweit mit Handbremse unterwegs. Das bedeutet nicht, dass jene Menschen nicht zur Ekstase (ek stasis - heraustreten aus sich selbst) fähig wären. Manchmal wird Ekstase, Entgrenzung, Lust sogar zur Ideologie verklärt. Wo das der Fall ist, findet sich bei genauerem Hinschauen fast immer eine innere, unerlöste seelische Spannung, etwas Unausgeglichenes. Natürlich, Lust fordert Unbedingtheit, gleichzeitig aber braucht es auch Gelassenheit, um sich eben lassen zu können. Leben ist eine Kunst. 

Wenn am Tonfeld Lust in wilde Matscherei übergeht - und viele Menschen setzen Matschen vorschnell gleich mit Lust pur - dann stimmt etwas nicht. Jede Tonfeldarbeit dringt auf Klärung und Klarheit, nicht auf Rausch. Eine solche Grammatik ist in uns angelegt. Jede Lust, die frei gelebt werden kann, sättigt sich von selbst und mündet in eine Gestalt, sprich in einen möglichst klaren, prägnanten, reinen Ausdruck. Nur in diesem Ausdruck erfüllt sich die Lust. Nur da nähren wir uns wirklich. 

Arbeit am Tonfeld als Weg zum angstfreien Sich-Verlassen-Können

Wann immer 'Angst vor der Lust' vorherrscht, fällt dieses Erleben von Fülle oder Erfüllung karger aus. Mitunter verbleibt etwas unklar Sehnsüchtiges, manchmal Melancholisches, ein Wunsch nach mehr Verbindung mit dem Numinosen. Oder es entsteht ein kleines Erschrecken, sich nicht von dieser 'verbotenen Speise', die man so ein klein bisschen gekostet hat, verführen zu lassen. Es hieße ja, die eigene Identitätsvorstellung ein Stückweit infrage zu stellen. Die einen wie die anderen ahnen jene saftigen inneren Landschaften, kennen aber nicht den Weg dorthin. Am Tonfeld ist es möglich, diese Wege zu finden und Menschen dahingehend zu begleiten. Es geht nicht darum, die Menschen zu verändern, sondern sie an ihre eigene, selbstheilende Kompetenz zu vermitteln. Sie werden ihr eigener Therapeut.  

Was dann passiert, ist, dass sich - oft in kleinen, fast unmerklichen Schritten - die Erfahrung einschreibt: Es ist nicht gefährlich, sich hinzugeben, frei zu atmen, sich zu erstrecken, Berührung zu genießen, einzutauchen in das Material, sich zu zeigen. Ganz - in seinem ungefilterten Selbstausdruck. Und wir sind dann immer noch da, überleben das, versinken nicht im Erdboden. 

Das gelingt nicht unbedingt allen. Das Tonfeld bietet nur Möglichkeit und die Voraussetzungen, dass es gelingen kann. Die Schichten der Tabus, die manchmal um den vitalen Kern herum gelegt sind, können ganz schön verfestigt sein, so dass der Halt und die Sicherheit, die in der Selbst-Kontrolle liegen, höher bewertet werden als jenes Wagnis der freien Lust. Das gilt es zu akzeptieren. Es muss ja nicht eines jeden Menschen Lebensaufgabe sein, dort hin zu gelangen. Manchmal ist der erste Schritt auf dem Weg das gesuchte Heilsame. 

Flammentod und Lebenslust

Welche Vitalität dort am Grund der Hingabe und Lust zu schöpfen ist, wusste nur all zu gut Altmeister Goethe. Sein Gedicht 'Selige Sehnsucht' kündet davon, beginnend mit den berühmten Zeilen: 

Sag es niemand, nur dem Weisen,
weil die Menge gleich verhöhnet,
das Lebend'ge will ich preisen,
das nach Flammentod sich sehnet...

und das dann endet mit den Strophen:

... keine Ferne macht Dich schwierig,
kommst geflogen wie gebannt.
Und zuletzt, des Lichts begierig,
bist Du, Schmetterling, verbrannt. 

Und solang Du dies nicht hast, 
dieses Stirb und Werde
bist Du nur ein trüber Gast
auf der dunklen Erde.

Vielleicht ist das bisschen streng geurteilt. Auch jene, die sich nicht in den großen Ozean oder in das Flammenmeer werfen, können auf ihre Weise großartige Menschen sein und bewunderswert ihr Leben meistern - bei allen Verletzungen, die sie in sich tragen. Aber die leuchtendsten Farben malt das Leben dann, wenn wir die Angst vor unserer Lust ablegen können - fraglos. 

In Ruhe gelassen werden

Manchmal kommen Menschen zu mir in die Praxis, um in Ruhe gelassen zu werden. Klingt verrückt - sie könnten sich ja auch einfach ins stille Kämmerchen zuhause zurückziehen und hätten da ihre Ruhe. Stattdessen machen sie sich extra auf den Weg zu mir, nehmen Fahrt und Kosten auf sich, nur um dann ... in Ruhe gelassen zu werden.

Als mir das das das erste mal begegnete, kratzte das an meinem Selbstverständnis als Begleiter. Wie sollte ich den Menschen weiter helfen können, wenn ich nur da sitze und zuschaue, wie sich die Hände am Tonfeld bewegen - ohne jeden Kommentar, ohne jeden Hinweis.

Die Sache ist tiefgründiger, und die Arbeit am Tonfeld gibt es sogar her, vollkommen still begleiten zu können. Begleiten heißt nicht, einfach nur stumm herum zu sitzen, sondern zu verstehen. Es ist ein Riesenunterschied, für sich allein zu sein oder von anderen Menschen in Ruhe gelassen zu werden. In Beziehung! Da ist jemand, der mich in meinem So-Sein, wie ich bin, wie ich mich ausdrücke in meinem Tun, bedingungslos annimmt.

Viele denken ja, dieses 'Gebastel im Ton' habe mit dem richtigen Leben bzw. dem Handeln im Leben nicht wirklich viel zu tun. Das stimmt aber nicht. Das Tonfeld spiegelt den Menschen, er kommt mit sich und seiner biographischen Erfahrung in Berührung, ganz unmittelbar. Es geht um Erprobungen der Annäherung, der Hingabe, des Ergreifens, des Behauptens, des Sich-Verlassens usw. Und das alles soll mitmenschlich wahrgenommen, bezeugt, ausgehalten und eben: verstanden sein, sonst zählt es irgendwie nicht. Oft geht es dabei um tief spirituelle Erfahrungen, die als solche nicht ohne weiteres bemerkt werden. Es gibt ja keine Räucherstäbchen, keine Klangschalen, keine Meditationskissen, nur Tonerde.

Begegnung mit sich selbst

Was aber passiert, ist eine tiefe Selbstbegegnung, manchmal sogar ein kleines Erschrecken zu sich selbst, ein plötzliches Aufmerken: Huch, das bin ja wirklich ICH. Dies geschieht im Kontext einer Lebenserfahrung, die von Fremdbestimmung geprägt ist oder dem Erleben, nicht gut genug zu sein. Zu oft lauerte in solchen Fällen die Gefahr, dass ich korriert wurde oder mich dagegen behaupten und retten musste. Manche haben darüber eine extreme Sensibilität für Untertöne entwickelt. Sie prüfen jeden Satz bis ins 'Atomare', ob nicht irgendeine Andeutung, die Nuance einer kritischen Färbung mitschwingt - ein Minenfeld für den Begleiter. 

In der Haptik ist nun eine Artikulation möglich, die ganz andere Qualitäten auszudrücken vermag als Sprache. Und immer erzählen die Hände eine Sinngeschichte. Die Bewegungen sind zwar spontan, aber nicht zufällig, eher so wie improvisierte Musik. Der je nächste Ton ist unvorhersagbar, aber die daraus entwickelten Phrasen ordnen sich in eine harmonische Folgerichtigkeit. Und in alledem transportieren sie eine bestimmte Stimmung.

Wenn ich als Begleiter das Tun dieses Menschen am Tonfeld wirklich verstehe, ihn in seinem Ausdruck erkenne und wahrnehme, dann passiert auf seelischer Ebene etwas, was nicht passieren würde, säße ich nur gelangweilt daneben. Erwachsene arbeiten ja mit geschlossenen Augen. Sie können mich nicht sehen, während sie dort arbeiten. Aber der Unterschied ist riesig und hat mit Resonanz, mit Beziehung, mit Begegnung zu tun. Darin liegt ein großer Zauber dieser Arbeit.

In Ruhe gelassen werden

Die Erfahrung, in Ruhe gelassen zu werden, ist für viele Menschen unendlich heilsam, fühlt sich manchmal sogar an wie ein Geboren-Werden, wie ein Niederkommen. Das passiert dann auch ganz real. Die Hände kommen nieder, die Spannungen in den Schultern, im Atem, im Leib lösen sich. In diesem Setting muss an keiner Stelle eine besondere Vorsicht walten wie vielleicht sonst im realen Leben. Jede Form von Anstrengung fällt ab. Indem die Menschen also in Ruhe gelassen werden, können sie in Ruhe gelassen werden. Nicht von jetzt auf sofort, aber Schicht für Schicht.

Was haben die Hände mit der Seele zu tun?

Der berühmte Arzt und Begründer der modernen Medizin, Rudolph Virchow, hatte die Seele irgendwo im Organismus gesucht. Viel hat er herumoperiert, sie aber nicht gefunden (vermutlich wusste er auch nicht so genau, wie sie aussehen sollte). Die Frage freilich bleibt: Wo eigentlich ist der Sitz der Seele? Im Bauch, im Herzen, im Hirn? Oder ganz anderswo? Darüber zu spekulieren ist müßig. Eher wäre zu fragen, worin sich das Seelische am stärksten zeigt und ausdrückt. Und da spielen die Hände in der ersten Liga. Denn die Hände sind nicht nur ein Tastinstrument, sondern ein Beziehungsorgan. DAS Beziehungsorgan! Und sie sind das Organ, mit dem wir uns als Mensch am unmittelbarsten 'äußern', also unser Inneres nach außen tragen in die reale Welt. 

Arbeit am Tonfeld - Persönlichkeitsentwicklung mit den Händen

Der Mensch – ein homo hapticus

Evolutionsbiologisch heißt der Mensch homo sapiens (in der ganz exakten Sprechweise sogar gleich doppelt, also homo sapiens sapiens. Sonst weiß man es vielleicht nicht so genau). Schauen wir uns den Zustand an, in den diese Gattung unseren Planeten gebracht hat, dann klingt diese Gattungsbezeichung so ähnlich wie die Steigerungsform: Gescheit, gescheiter, gescheitert. 

Aber das denken und weise sein ist gar nicht das, was dem Menschen am meisten in die Wiege gelegt ist. In Wirklichkeit ist der Mensch ein Homo hapticus, ein Handelnder, ein Gestaltender. Das reflexive Bewusstsein, auf das wir als Mensch so stolz sind, ist nur ein Nebenprodukt unserer Handlungs- und Gestaltungsfähigkeit. Ohne die Freistellung unserer Hände und ihre Umwandlung zu echten Greifwerkzeugen (d.h. den Daumen in Opposition zu den Fingern gestellt) hätten wir kein Bewusstsein. 

Zwei Beobachtungen

Das ist weit mehr als nur eine kühne Behauptung, denn der Zusammenhang lässt sich leicht nachvollziehen. Da ist als erstes die Beobachtung, dass Menschen die einzigen Lebewesen sind, die Hände als Greifwerkzeuge haben, und auch die einzigen, die ein reflexives Bewusstsein haben. 

Zum anderen kann jeder an sich selbst feststellen, dass die Arbeit mit den Händen uns in aller Regel viel mehr erfüllt und glücklicher macht als reine Kopfarbeit. Gut, Toilettenputzen vielleicht nicht, aber gestalterische Arbeit mit den Händen. Die mag mitunter auch anstrengend sein, aber in solchem Zusammenhang bereitet sogar die Anstrengung Freude. Fast immer hinterlässt sie ein wohliges Gefühl von 'etwas geschafft zu haben', vielleicht auch, sich gestärkt zu haben oder Geschick erlangt zu haben. Bei geistiger Arbeit erfreuen wir uns an Einsichten und Erkenntnisse, die ebenfalls tief beglücken können. Nur sind sie deutlich leibferner und weniger unmittelbar (wie drückte es nicht einst Heinz Erhardt aus: 

Von Dürers Meisterhand ein Stich
betrachtet wirkt mehr äußerlich. 
Hingegen dringt, wenn sie verzeih'n,
ein Mückenstich weit tiefer ein.
Man sieht daraus, dass ein Insekt
noch mehr kann als der Intellekt. )

Der haptische Sinn als Basissinn

Letztendlich ist der haptische Sinn, also der Hand-Sinn, der Basissinn schlechthin. An keiner anderen Stelle des Körpers sind die Sensorzellen so dicht versammelt wie in den Händen (Platz 2 belegen die Lippen). Das macht, dass wir uns ganz und gar in unseren Händen versammeln, also selbstvergessen in unserem Tun und Berühren aufgehen können. Wir können gewissermaßen 'ganz Hand' werden.

Alle Berührung vollziehen wir vornehmlich mit den Händen, und Berührung ist für unsere Selbstorganisation letztlich sogar lebenswichtig. Säuglinge, die nur sehr, sehr wenig Berührung erfahren, sterben sogar (an sog. Hospitalismus). Und Erwachsene oder Paare, die sich oft berühren, leben glücklicher und verbundener als jene, die sich nur sehr selten berühren. Es fehlt dann ein Stück Seins-Vergewisserung. Und das kann einsam machen. 

Vergleichen wir uns mit Tieren, dann erkennen wir direkt den Unterschied. Schwer vorstellbar, dass ein Tier 'ganz Pfote' sei. Bei uns aber organisiert sich vor allem auch all das Intuitive und ein Großteil unseres Gefühlslebens, d.h. die ganze Bedeutungsgebung, wie wir Dinge auffassen, wie wir uns als wirkmächtig erfahren usw. über die Hände. 

Die Seele berühren statt psychologisieren

Nun ist mit der Seele mehr gemeint als nur unser Gefühlsleben, und mehr auch als unsere Psyche. Mit Seele meinen wir unsere ganze Art zu sein. Und dieses Sein drückt sich aus in der Wahrnehmung und der Bewegung, am prägnantesten also in unserem Handeln. 

Vor diesem Hintergrund ist es geradezu erstaunlich, dass die Psychologie bis heute noch nicht die Bedeutung der Hände als Ausdrucks- und(Selbst)Gestaltungsorgan der Seele erkannt hat. Die Arbeit am Tonfeld leistet da echte Pionierarbeit. Der Grund für diesen blinden Fleck liegt vermutlich darin, dass sich die Sprache der Hände nicht in gleicher Weise aufschreiben, objektivieren und diskutieren lässt wie die verbale Sprache. Aber im seelischen Ausdruck ist sie ungleich klarer. 

Das Tonfeld ist eine Art Klärungsapparat für die Sprache der Hände. In der Psychologie leiht der Therapeut dem Klienten ein Ohr. Der Klient hat dann gewissermaßen 3 Stück davon und kann sich mit diesem dritten Ohr - durch den Therapeuten hindurch - selber noch mal anders hören und verstehen. Das Tonfeld in Verbindung mit dem Begleiter ist für die Sprache der Hände dasselbe wie jenes dritte Ohr des Therapeuten, bloß dass wir uns nun ungefiltert über den kontrollierenden Verstand ausdrücken, ganz unmittelbar. In den Händen erscheinen wir uns ein zweites mal. Nur aus diesem Grund können nur deshalb Abstand gewinnen zu uns selbst bzw. und sind deshalb - anders als jedes Tier - zur Selbsterkenntnis fähig. 

Unsere Art, Dinge zu begreifen, formt sich im Greifen

Viele, die zum ersten mal von der Arbeit am Tonfeld hören, können sich kaum vorstellen, wie so ein bisschen Herumgeknete im Ton eine seelische Auswirkung haben soll. Tatsächlich aber müsste eigentlich genau anders herum gefragt werden, warum Gesprächen so viel seelisches Veränderungspotenzial zugestanden wird, obwohl Wort doch viel leibferner sind als alles Tun und Handeln, und der gesamte Bereich der Bewegung und des Eigenimpulses ausgespart bleibt. 

Am Tonfeld werden Beziehungserfahrungen verhandelt, also das ganze Feld zwischen Wahrnehmung und Bewegung, zwischen Rezeption und Aktion. In dem Maße, wie wir hier mitmenschlich anders angesprochen werden, als es uns im Leben widerfahren ist, überschreiben wir alte Prägungen und Körpererfahrungen. Das Körpergedächtnis organisiert sich um und damit unsere ganze Art, sich Dingen hinzuwenden, in Beziehung zu gehen, sich zu öffnen, zu zeigen usw. Wandelt sich der Ausdruck in den Händen, so wandelt sich der ganze Mensch. Darin liegt das wandelnde Moment in der Arbeit am Tonfeld.

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