Arbeit am Tonfeld - Die Angst vor der eigenen Lust

Die Angst vor der Lust

Die Lust ist eines der schönsten Gefühle, die Menschen so haben können. Sie ist kein unmittelbar emotionales Empfinden, sondern eher ein verspürter Handlungsantrieb. Und im Sexuellen bekommt sie noch mal einen ganz anderen Beiklang - natürlich auch als Handlungsantrieb. 

Da liegt es nahe zu glauben, dass alle Menschen in Sachen Lust sofort Hurra schreien würden: Ich habe Lust auf Lust. Erstaunlicherweise ist dem nicht so. Am Tonfeld kann ich das oft beobachten, dass Lust oft nur mit Handbremse gelebt wird, als gefährlich erscheint bzw. mit Angst belegt ist. 

Urvölker, das vermute ich so, kennen diese Angst wahrscheinlich nicht. Sie sind, salopp gesagt, weniger katholisch (nichts gegen das Katholische, nur gehört die Lust nicht zu den ausgewiesenen Kernkompetenzen dieser Kirche). Soll lediglich heißen, dass sie kulturell weniger mit angstbesetzten Verhaltensvorstellungen überprägt sind. Und dass sie dem Archetypischen natürlicherweise sicherlich näher stehen. 

Die Lust ist etwas Archetypisches. Und sie ist das Gegenbild von Kontrolle. Genau das macht sie uns, den Verstandmenschen, mitunter 'unheimlich'. Unheimlich heißt ja, dass wir dann außerhalb dessen sind, was uns heimisch ist. Wir verlassen das Heim, die haltgebenden Wände unserer Kontrolle und geben uns hin, auf Gedeih und Verderb. Das will die Lust. Unbedingtheit. Ewigkeit, Entgrenzung. 

Der - teils übersteigert hellfühlige, oft kränkelnde - Philosoph Friedrich Nietzsche fasste dies einmal in die Verse:

O Mensch! Gib acht!
Was spricht die tiefe Mitternacht?
"Ich schlief, ich schlief -,
Aus tiefem Traum bin ich erwacht: -
Die Welt ist tief,
Und tiefer als der Tag gedacht.
Tief ist ihr Weh -,
Lust - tiefer noch als Herzeleid:
Weh spricht: Vergeh!
Doch alle Lust will Ewigkeit -,
- will tiefe, tiefe Ewigkeit!"

Hier sind beide Pole genau auf den Punkt gebracht: Die Angst - o Mensch, gib acht! - und das Verlangen nach Ozeanisierung, nach Verbindung mit dem Ganzen. Nichts anderes meint ja seine - etwas dick aufgetragene - Tiefe. Und dass er die Tiefe so notorisch betont, kündet ja eindrucksvoll von den Abgründen und der Fallhöhe, die Nietzsche da erahnt. 

Lust als nährende Verbindung zum Ganzen

Wir nähren uns aus der Verbindung zum Ganzen, und das heißt: aus der Lust - seelisch gesehen. Doch der Einsatz, der auf dem Spiel steht, ist unsere Identität (bzw. das, was irgendeine Instanz in uns dafür hält). Wenn wir uns hingeben, geben wir uns auf - so wie der Tropfen, der sich in den großen Ozean ergießt. Auch er verliert dann seine Identität als Tropfen - aber nur, um hernach wieder neu aufzusteigen, gewandelt, erfrischt, transformiert. Wir müssen uns verlassen, ganz wörtlich, wenn wir zu uns kommen wollen, wenn wir einkehren wollen bei uns selbst. 

Wenn wir uns verlassen (sprich entäußern), brauchen wir Verlässlichkeit - ein Urvertrauen. Wir brauchen das Urvertrauen, dass, wenn wir uns fallen lassen, nicht in einer unendlichen Tiefe verschwinden (mit schönen Grüßen von Nietzsche), sondern in eine Mitte hineinfallen. Dass da ein Grund ist, der uns trägt. Heinz Deuser, der Erfinder der Arbeit am Tonfeld, nennt das den Lebensgrund. Wer religiöser angehaucht ist, dem gefällt vielleicht besser noch das Bild, sich fallen zu lassen in Gottes Hände. Und im Vater-unser geht der Satz: 'Dein Wille geschehe', meint aber genau das, sich dem Größeren, Selbstorganisierenden zu überlassen, aus dem heraus wir uns empfangen (wir glauben immer, wir seien schon 'irgendwie', übersehen aber, das das Spontane, wo wir am meisten echt sind, nicht in unserer Macht steht. Da 'empfangen' wir uns). 

Vermittlung über die Mutterbeziehung

Normalerweise wird dieses Urvertrauen und mit ihr das natürliche, unverstellte Verhältnis zur Lust über die Mutterbeziehung vermittelt. Wer im Internet danach googlet, findet erstaunlicherweise nichts. Am Tonfeld kann ich nachfragen. Und da ist es immer so: Wenn die Mutterbeziehung nicht in den wesentlichen Aspekten in Ordnung war, dann ist die Lust immer ein Stückweit mit Handbremse unterwegs. Das bedeutet nicht, dass jene Menschen nicht zur Ekstase (ek stasis - heraustreten aus sich selbst) fähig wären. Manchmal wird Ekstase, Entgrenzung, Lust sogar zur Ideologie verklärt. Wo das der Fall ist, findet sich bei genauerem Hinschauen fast immer eine innere, unerlöste seelische Spannung, etwas Unausgeglichenes. Natürlich, Lust fordert Unbedingtheit, gleichzeitig aber braucht es auch Gelassenheit, um sich eben lassen zu können. Leben ist eine Kunst. 

Wenn am Tonfeld Lust in wilde Matscherei übergeht - und viele Menschen setzen Matschen vorschnell gleich mit Lust pur - dann stimmt etwas nicht. Jede Tonfeldarbeit dringt auf Klärung und Klarheit, nicht auf Rausch. Eine solche Grammatik ist in uns angelegt. Jede Lust, die frei gelebt werden kann, sättigt sich von selbst und mündet in eine Gestalt, sprich in einen möglichst klaren, prägnanten, reinen Ausdruck. Nur in diesem Ausdruck erfüllt sich die Lust. Nur da nähren wir uns wirklich. 

Arbeit am Tonfeld als Weg zum angstfreien Sich-Verlassen-Können

Wann immer 'Angst vor der Lust' vorherrscht, fällt dieses Erleben von Fülle oder Erfüllung karger aus. Mitunter verbleibt etwas unklar Sehnsüchtiges, manchmal Melancholisches, ein Wunsch nach mehr Verbindung mit dem Numinosen. Oder es entsteht ein kleines Erschrecken, sich nicht von dieser 'verbotenen Speise', die man so ein klein bisschen gekostet hat, verführen zu lassen. Es hieße ja, die eigene Identitätsvorstellung ein Stückweit infrage zu stellen. Die einen wie die anderen ahnen jene saftigen inneren Landschaften, kennen aber nicht den Weg dorthin. Am Tonfeld ist es möglich, diese Wege zu finden und Menschen dahingehend zu begleiten. Es geht nicht darum, die Menschen zu verändern, sondern 

Was dann passiert, ist, dass sich - oft in kleinen, fast unmerklichen Schritten - die Erfahrung einschreibt: Es ist nicht gefährlich, sich hinzugeben, frei zu atmen, sich zu erstrecken, Berührung zu genießen, einzutauchen in das Material, sich zu zeigen. Ganz - in seinem ungefilterten Selbstausdruck. Und wir sind dann immer noch da, überleben das, versinken nicht im Erdboden. 

Das gelingt nicht unbedingt allen. Das Tonfeld bietet nur Möglichkeit und die Voraussetzungen, dass es gelingen kann. Die Schichten der Tabus, die manchmal um den vitalen Kern herum gelegt sind, können ganz schön verfestigt sein, so dass der Halt und die Sicherheit, die in der Selbst-Kontrolle liegen, höher bewertet werden als jenes Wagnis der freien Lust. Das gilt es zu akzeptieren. Es muss ja nicht eines jeden Menschen Lebensaufgabe sein, dort hin zu gelangen. Manchmal ist der erste Schritt auf dem Weg das gesuchte Heilsame. 

Flammentod und Lebenslust

Welche Vitalität dort am Grund der Hingabe und Lust zu schöpfen ist, wusste nur all zu gut Altmeister Goethe. Sein Gedicht 'Selige Sehnsucht' kündet davon, beginnend mit den berühmten Zeilen: 

Sag es niemand, nur dem Weisen,
weil die Menge gleich verhöhnet,
das Lebend'ge will ich preisen,
das nach Flammentod sich sehnet...

und das dann endet mit den Strophen:

... keine Ferne macht Dich schwierig,
kommst geflogen wie gebannt.
Und zuletzt, des Lichts begierig,
bist Du, Schmetterling, verbrannt. 

Und solang Du dies nicht hast, 
dieses Stirb und Werde
bist Du nur ein trüber Gast
auf der dunklen Erde.

Vielleicht ist das bisschen streng geurteilt. Auch jene, die sich nicht in den großen Ozean oder in das Flammenmeer werfen, können auf ihre Weise großartige Menschen sein und bewunderswert ihr Leben meistern - bei allen Verletzungen, die sie in sich tragen. Aber die leuchtendsten Farben malt das Leben dann, wenn wir die Angst vor unserer Lust ablegen können - fraglos. 

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