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Entwicklung - eine menschliche Notwendigkeit

Entwicklung, so glauben wir oft, sei vor allem im Kinder- und Jugendalter angesiedelt und werde mit zunehmendem Alter immer unbedeutender. Von der Tendenz her mag es stimmen. Aber unser gesamtes Erleben von Vitalität, Wachheit, seelischer Präsenz gründet auf Entwicklung. Wenn wir in unserer Entwicklung stagnieren, stumpfen wir ab. Stillstand ist Rückschritt.

Bei Tieren ist das anders. Die entwickeln sich nur die ersten ein bis zwei Jahre, danach ist weitgehend Schluss. Sie können paar Tricks dazu lernen, aber dass sie sich in ihrer 'Persönlichkeit' weiter entwickeln würden - eher Pustekuchen. Mal ganz abgesehen davon, dass der Begriff Persönlichkeit vorrangig für den Menschen reserviert ist. Die Persönlichkeit von Tieren ist weitestgehend durch die Art festgelegt. 

Unser Hund kann stundenlang im Körbchen liegen, jeden Tag und mit zunehmendem Alter auch zunehmend mehr - ... und es stört ihn nichts. Er scheint auch nichts zu vermissen. Wenn Menschen den ganzen Tag herumlungern, verwahrlosen sie. Ohne Aufgabe, ohne sinnvolle Einbindung, ohne Wirksamkeitserfahrung im Handeln gehen wir ... vor die Hunde.

Entwicklung und Anstrengung

Irgendetwas sehr Besonderes ist in der Evolution passiert, dass der Mensch aus dem Tierreich herausgefallen und nun auf einmal auf Entwicklung angelegt ist. Darüber haben schon die Bibelschreiber gestöhnt. Die Erzählung von Arbeit und Eva soll ja irgendwie erklärbar machen, warum der Mensch - anders als das Tier - im Schweiße seines Angesichts nun sein Brot (oder seine Gazelle) verdienen bzw. verspeisen soll. Der paradisische Zustand, sich in der Sonne zu räkeln und sonst nicht viel tun zu müssen, existiert so für den Menschen nicht. 

Entwicklung verlangt Anstrengung

Anstrengung als Entwicklungsforderung

In der Diskussion über das bedingungslose Grundeinkommen taucht immer wieder die Frage auf, ob die Leute sich dann nicht nur noch auf die faule Haut legen - es müsste nicht mal die eigene sein. Das Schreckensbild ist der Hartz IV Empfänger, der mehr bekommt als der schwer Arbeitende und sich ein in aller Geruhsamkeit ein schönes Leben macht. 

Der Haken dabei ist, dass das 'schöne Leben' sich nur ergibt aus dem Wechselbad von Anstrengung und Entspannung, von Wirksamkeitserfahrung und der Feier (dem Feier-Abend). Nur feiern - ... geht nicht. Das mündet früher oder später in Leerlauf. Eine Kalenderweisheit verkündet daher sehr treffend: Urlaub ist nur dann Erholung, wenn man Hals über Kopf in Arbeit steckt. Ein bedingungsloses Grundeinkommen, um es noch mal aufzugreifen, führt also keineswegs zu Faulheit - allenfalls kurzfristig. 

Entwicklungsdrang und Bewusstsein

Das alles hat natürlich sehr direkt etwas mit unsere Bewusstseinsfähigkeit zu tun. Auch das wussten die Bibelschreiber, denn Adam und Eva naschen nicht von irgendeinem Baum, sondern vom Baum der Erkenntnis. Sie werden fähig, sich selbst zum Gegenstand der Betrachtung zu machen, und nur dadurch entdecken sie, dass sie nackt sind. So kommt die Scham in die Welt, die es im Tierreich ja auch nicht gibt. Und das Feigenblatt. 

Dieses Essen vom Baum der Erkenntnis hat ursächlich zu tun mit der Aufrichtung des Menschen, mit der Freistellung der Hände und ihrer Umbildung zu Greifwerkzeugen. Statt nur mit der Schnauze die Welt in Erfahrung zu bringen, haben wir nun zwei Pole. Unser Gesicht als das ursprüngliche Daseinszentrum mit seinen oberen Sinnen und unsere Hände.  (wenn sich ein Tier mit der Schnauze irgendwo hinwendet ist es dort ganz und gar). Diese Doppelung unserer Daseinsempfindung ermöglicht, dass wir zur Selbst-Erkenntnis prinzipiell fähig werden (manche freilich nicht, man schaue sich nur bestimmte Politiker an), und es macht auch, dass wir eine Art Selbst-Verhältnis haben, nämlich jenes zwischen 'Selbst' und 'Ich'.

Entwicklung vom Selbst zum Ich. 

Das 'Selbst' meint unser Sein, so wie wir spontan und ungefiltert sind: traurig, fröhlich, wütend, phlegmatisch usw. Darüber verfügen wir nicht. Das Selbst ist unserem bewussten Zugriff entzogen. Es ist unser Wesenskern.

Ganz anders das Ich. Das ist diejenige Instanz in uns, die sagt: Ich will, ich tue, ich mache. Das Ich bestimmt. Etwas vorschnell sprechen wir von Selbstbestimmtheit, wenn das Ich das Zepter schwingt, ohne freilich zu fragen, aus welcher Quelle dieses Ich eigentlich schöpft, um ein Wollen hervorzubringen.

Tatsächlich kann das Ich von allerlei Prägungen überformt sein - Erziehung, Kultur, Glaubenssätze, Normalitätsvorstellungen etc. Längst nicht immer ist das Ich von den vitalen Bedürfnissen des Selbst geleitet, so dass die vermeintliche Selbst-Bestimmtheit sich manchmal nur trotzig gegen etwas wehrt, so dass es gar nicht aus sich heraus handelt, sondern aus Widerstand gegenüber etwas anderem (das oder der Andere diktiert dann genau genommen das Handeln). 

Wenn wir uns aber selbst-verständlich werden wollen, dann müssen Selbst und Ich zusammenfinden, immer wieder, sich immer neu einpendeln. Einmal eingependelt reicht nicht, denn dann spüren wir keinen Unterschied mehr, spüren uns also nicht in unserem Selbst-Erleben. Wer seine Hand auf irgendeine Fläche legt, spürt im Augenblick des Auflegens die Beschaffenheit der Oberfläche. Wenn die Hand aber eine Weile vollkommen ruhig abgelegt ist, verschwindet die Beschaffenheit der Oberfläche aus der Wahrnehmung (meist vollziehen wir, wenn wir uns testen wollen, minimalste Bewegungen, die dann doch noch eine Wahrnehmung von der Rauigkeit der Oberfläche erlauben - aber das ist ein bisschen Selbstbetrug). 

Nur wer sich ändert, bleibt sich treu

Dieses Selbstverhältnis ist es, was uns zur Entwicklung auffordert. Ständig. Lebenslang. Die Politik spricht von lebenslangem Lernen, was nach ziemlich viel Arbeit klingt. Aber wir wollen gar nicht nur lernen, wir wollen uns selbst begreiflich werden, Selbst-vertraut. Alles, was wir uns vertraut gemacht haben, verblasst in der Wahrnehmung (oder in der Routine), und also bleibt uns nur der stete Wandel, um uns in unserer Lebendigkeit zu erleben, um vital zu bleiben. 

Goethe hatte das glasklar erkannt. In seinem Meisterwerk Faust stellt er genau diese Wandlungsfrage ins Zentrum des ganzen Dramas: 

Faust:
"Werd' ich zum Augenblicke sagen,
verweile doch, Du bist so schön,
dann sollst Du mich in Stücke schlagen, 
dann werd' ich gern zugrunde gehn...."

Faust ist im Grunde die Verkörperung des menschlichen Entwicklungsdranges. Wer in seinem Entwicklungsstreben nachlässt, wer glaubt, endlich so etwas wie das Ziel all seines Strebens erreicht zu haben, der stirbt innerlich. Faust stirbt ja tatsächlich auch irgendwann, als er genau diesen Satz spricht, dass er nun den Höhepunkt seines Lebens erreicht habe und nun der Augenblick ewig währen dürfe. Aber er verfällt nicht dem Teufel, denn... 

"Gerettet ist das edle Glied
Der Geisterwelt vom Bösen,
Wer immer strebend sich bemüht,
Den können wir erlösen."

nachzulesen in der Tragödie zweitem Teil in Kapitel 63

Ähnliches stellte Bertold Brecht fest in seinem Gedicht vom Radwechsel: 

Ich sitze am Straßenrand,
der Fahrer wechselt das Rad.
Ich bin nicht gern, wo ich herkomme,
ich bin nicht gern, wo ich hingehe. 
Warum sehe ich den Radwechsel
mit Ungeduld?

Auch in ihm rumort ein Lebensbedürfnis, das nach Ausdruck verlangt, ein noch ungeklärtes, zu klärendes Bedürfnis. 

Brecht kannte natürlich noch nicht die Arbeit am Tonfeld. Denn da geht es genau um diesen Klärungsprozess, um dieses tiefste menschliche Bedürfnis, sich klar zu werden in seinem Selbst-Verhältnis, um die Frage: Wer bin ich.  

Wenn man so will, ist die Arbeit am Tonfeld eine Methode, die es schafft, uns wieder mit unserem unverbildeten Lebensbedürfnis zu verbinden, Selbst und Ich quasi miteinander zu verheiraten. Oder anders ausgedrückt: Uns dem Paradies, der Unschuld des Handeln, wieder ein kleines Stück näher zu bringen (das strategische, abgetrennte Handeln wird ja als Urschuld begriffen - was ich früher nie verstanden hatte. Sünde leitet sich übrigens ab von Sund wie es die Nordlichter noch kennen vom z.B. Fehmarn-Sund, Öre-Sund usw.. Das ist eine Abtrennung). 

Die Entwicklung zur Eigen-Art

Tiere sind von dieser Schwierigkeit entbunden, weil sie gebunden sind in ihren Instinkten. Sie sind nicht frei wie der Mensch, der etwas tun kann, was nicht auf der unmittelbaren Linie seiner Lebensbedürfnisse liegt. Er kann sich aus dieser Unmittelbarkeit jederzeit herausnehmen. Tiere können das nicht. Deshalb entwickeln sich Tiere 'personal' auch nicht weiter, entwickeln kein Selbst-Verhältnis. Die Entwicklung geschieht eher in der Art. 

Beim Menschen hat die Evolution einen Sprung gemacht und den Entwicklungsprozess einer gesamten Art quasi in einem Individuum zusammengefasst. Menschen 'arten'. Das macht uns dummerweise oft einsam, weil es so schwierig ist, einen Seelenverwandten von gleicher Art zu finden. Wir sind darauf angewiesen und angelegt, uns mit all den anderen Menschen abzugleichen, um uns in unserer Eigen-Art zu begreifen. Und das liebste Spiel ist deshalb, uns gegenseitig zu vergewissern: Fühlst du so, wie ich fühle? Unser unglaublicher Gefühlsreichtum entspringt eben auch derselben ursprünglichen Quelle. 

 


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