Persönlichkeitsentwicklung - Arbeit am Tonfeld

Klimawandel und Tonfeld

oder: Über Heldenreisen

Wer nur einen Hammer zur Verfügung hat, für den wird jedes Problem zum Nagel. Für mich als Tonfeld-Begleiter, wird alles zu Tonfeld - selbst die Klima-Debatte. Auf den ersten Blick erscheint die Verbindung von Klimawandel und Tonfeld etwas hergeholt. Der Abbau von Ton verbraucht keine ruinösen Mengen an CO2, und das bisschen Wärme, das beim Herumkneten im Ton entsteht, bringt das Klima auch nicht von jetzt auf gleich zum Absturz.

Nein, es geht mir um etwas anderes: Um Persönlichkeitsentwicklung, um Mensch-werden. Große Krisen bringen fast immer auch große Persönlichkeiten hervor. In guten Zeiten ist das erstaunlicherweise schwieriger (aber natürlich nicht unmöglich, zumal es Krisen- oder persönliche Bewährungszeiten immer gibt).

Bei der Klima-Wandel-Diskussion denkt jeder sofort an die Fridays for future-Bewegung. Sie hat ja tatsächlich - und verdient daher diesen Namen - viel in Bewegung gebracht, mindestens mal im kollektiven Bewusstsein. Und natürlich auch Widerstände hervorgebracht, als würden diese Kinder unser gutes Klima schlecht reden (und jetzt haben wir den Salat, den verdorrten). Aber das ist gut so. Ohne diesen Widerstand könnte sich die Bewegung kaum konturieren. Sie hat inzwischen den Charakter einer Art kollektiven Heldenreise angenommen, ohne das Wort 'Held' jetzt zu hoch hängen zu wollen. 

Heldenreisen... 

... wie sie in klassischen Sagen oder in Romanen erzählt werden, sind immer Wandlungsreisen. Sie beginnen oft damit, dass der spätere Held (oder die Heldin; ich bleibe mal bei Held, um es nicht zu kompliziert zu machen) irgendwie im Leben herumschlabbert. Er könnte alles mögliche tun, könnte es aber genauso gut auch alles bleiben lassen - es macht keinen wesentlichen Unterschied (es gibt ja auch die Klage von Kindern, die besonders freilassen erzogen werden: Mama, muss ich heute schon wieder tun, was ich will?). 

Als Mensch sind wir aufgefordert, uns als Person hervorzubringen. Das Wort 'Person' gibt es im Tierreich nicht. Das Tier lebt in seiner Art, aber wir als Mensch streben nach unserer Eigen-Art bzw. Eigenheit. Die gilt es, zur vollen Blüte und Reife zu entwickeln. Das macht unser Menschsein aus (Menschen 'arten'). Um uns aber in unserer Kraft und Eigenheit auch erleben zu können, braucht es Widerstände - nicht von Anbeginn an, aber irgendwann. Dinge müssen errungen sein, dem Schicksal abgetrotzt, daran gewinnen sie ihren Wert. Seelischen Wert. Seelisches Wachstum vollzieht sich vor allem an widerständiger Erfahrung.

Dann irgendwann ereilt den Helden, der von seinem Schicksal noch nichts weiß, ein Ruf. Ein sehr besonderer Umstand ruft ihn. Er muss die Welt retten, mindestens, oder Drachen töten, etwas, das nur er allein machen kann.

Am Tonfeld ist dieser 'Ruf' die erste spontane Bewegung, die quasi ursachelos hervorquillt. Was da ruft, ist ein Lebensbedürfnis, ein Bedürfnis nach Wandlung, Aufbruch, Transformation, was freilich nur selten von uns bewusst als Lebensforderung erkannt wird. 

Tiefe Entwicklung geschieht immer an der Schwelle von Leben und Tod

Sich aufzumachen, erscheint anfangs oftmals mühsam, weil es Anstrengung verlangt, Verausgabung, vielleicht erscheint es auch als gefährlich. Und dann finden wir anfangs ganz viele total objektive Gründe, warum wir dem Ruf nicht folgen sollten oder müssen. Letztendlich ist der Einsatz, der gespielt werden muss, die Bereitschaft zu sterben - zumindest einen kleinen Tod. Eine jede wahre Persönlichkeitsentwicklung vollzieht sich immer an der gefühlten Schwelle von Leben und Tod. Anders werden wir nicht wesentlich.

Es ist ja nicht, dass wir selbst gleich als physische Person sterben müssen. Aber etwas in uns müssen wir zurücklassen, ablösen, d.h. die alte Person stirbt. Klingt viel dramatischer, als es in Wirklichkeit meistens ist. Aber vom Grundsatz her ist das die Dynamik.

Bei Greta war dieser Ruf ein Bericht über den Klimawandel, der sie ganz offensichtlich bis ins Mark getroffen hatte. Und sie hat dann mit ihrem eigenwilligen und unbeirrbaren Schulstreik wirklich etwas riskiert. In klassischen Heldengeschichten ist es ein Drachen, sprich eine innere Angst, die besiegt werden muss. Genau das aber ruft die besten uns zur Verfügung stehenden Kräfte auf. Es müssen Klippen umschifft, Gefahren meistern, Wege zurückgelegt werden, um am Ende den Drachen zu töten. Solche Heldenreisen bringen uns auf den Punkt - und dann sind wir gewandelt - irgendwie. 

Insofern hat der Widerstand, der Greta und die gesamte Fridays for future Bewegung begegnet, sein Gutes. Was müssen sie sich nicht alles anhören: Schulschwänzer, illegal, aufmüpfige Gören, die unser schönes Klima schlechtreden (und schon haben wir den Salat, den verdorrten) usw. Aber wenn es nicht ernst wird, wenn nichts riskiert wird, zählt es nicht, bekommt es kein seelisches Gewicht.

Jede Arbeit am Tonfeld ist eine kleine Heldenreise - im Labormaßstab. Was objektiv geleistet wird, spielt keine entscheidende Rolle. Der seelische Durchgang ist das Wesentliche. Sich zeigen müssen (und sei es nur sich selbst), Herangehensweisen riskieren, die eigentlich unter innerer Hemmung stehen, Ängste besiegen, und seien sie noch so unscheinbar. Wandel ist oft genug wie Zwiebel schälen - Schicht für Schicht. 

Die Kinder, die für Fridays for future auf die Straße gehen und wirklich dabei etwas riskieren, bilden sich (ganz wörtlich) auf der Straße weit mehr als auf der Schulbank. Denn hier stellt tatsächlich das Leben die Fragen, nicht ein Lehrer. 

  • Updated 12. September 2019
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